Die Westbahn und die Nachricht aus Bonzenhausen

Uiiii, das fangen die armen Mitarbeiter_innen der PR-Abteilung ganz schwer wieder ein, was ihr Oberboss da fabriziert hat. Besagter Oberboss, Westbahn-Chef Erich Forster, schrieb unlängst einen Brief an die ÖBB Infrstruktur, von denen sein Unternehmen Bahnhöfe und Schienen mietet, und forderte Geld zurück. Die Bahnhöfe Wien West und Salzburg würden aufgrund der „Flüchtlingskrise“ „in keiner Weise eine der Banhhoskategorie 1 enstprechende Qualität aufweisen“, beanstandet der kleine Prinz in seinem Glaspalast und deshalb behält sich die Westbahn die Gebühren einfach ein. Mit diesem Schreiben jedoch griff Herr Oberboss so weit in die publizistische Scheiße, dass es dafür schon ein besonderes Talent braucht. Forster hat damit gute Chancen, in die Arschloch-Annalen des Landes und der Transport-Branche insgesamt einzugehen. Das Dokument kann aber auch einfach gelesen werden als gutes Beispiel für die Kaltschäuzig- und Kaltherzigkeit gewinnorientierter Unternehmen, die vollkommen die Verbindung mit dem verloren haben, was sie umgibt.

jenny how to beg fo a shitstorm

Blogger-Kollege Bernhard Jenny hat es gleich geahnt.

In dem Schriftstück beschwert sich Forster bei den ÖBB über die Zustände in den Bahnhöfen, seit diese ganzen Flüchtlinge da im Lande sind. Das klingt dann ungefähr folgendermaßen: „Die andauernde Flüchtlingskrise […] verhinder[t] seit Anfang 2015 die Nutzbarkeit der Bahnhöfe in entsprechendem Umfang […]. Im Hinblick auf den ersten Satz seines Schreibens kommen wir nicht umhin, Forster noch analytische Fähigkeiten zuzuschreiben. So analysiert er richtig, die Flüchtlingskrise führe da zu Schwierigkeiten. Warum er dann aber Geld von den ÖBB will, erschließt sich erst nach weiterer Lektüre.

Ein Kritikpunkt, den der Oberboss hervorhebt: Es sind total viele Leute da. Na, wer hätte das gedacht? Da ist eine „Flüchtlingskrise“ und dann besteht die auch noch aus Menschen und die lungern alle auf Bahnhöfen herum. So muss er feststellen, „dass […] seitens der ÖBB INFRA AG die […] ausgewiesenen Leistungen im Zusammenhang mit dem Stationsentgelt […] nur mangelhaft erbracht werden kann. Konkret geht es u.a. um vielfältige Probleme mit Bahnhofs-Überlastung, Begrenzung des freien Kundendurchgangs, […] unzulängliche Reinigung infolge Dauerbelegung mit Flüchtlingen, fehlende Kunden-Sitzmöglichkeiten[…].“. An Sätzen wie diesem ist erkennbar: Der Autor solcher Zeilen ist nicht von unserer Welt, der hat nicht mitbekommen, was die „Flüchtlingskrise“ in anderen Städten und Ländern für Brutalisierungen hervorbringt, der hat nicht mitbekommen, wie Kinder mit Tränengas malträtiert und Menschen über Grenzen geprügelt werden. Während hunderte freiwillge Helfer_innen ihm die Bahnhöfe funktionstüchtig halten, Flüchtlingskinder an der Grenze erfrieren, beschwert dieser Mensch sich darüber, dass einige seiner Kund_innen nicht immer ein Sitzchen finden. Eure Biene findet, wenn man so einen abgehobenen, gierigen Bonzen-Dreck liest, darf man schon so richtig sauer sein.

Die Reaktion des Unternehmens auf dessen fb-Seite klang dann auch eher mau.

Die Reaktion des Unternehmens auf dessen fb-Seite klang dann auch eher mau.

Doch es geht noch schlimmer. Der Kern allen Übels an den Bahnhöfen, natürlich neben der „Flüchtlingskrise“, wodurch sich die ÖBB noch zusätzlich schuldig machten, sind die Sonderzüge, mit denen Flüchtlinge in den letzten Wochen von den Grenzen nach Wien und dann weiter nach Salzburg gebracht wurden. Diese Passage zeugt von besonderer Blindheit. Im Zitat: „Nicht zuletzt die fehlende Vermeidung von Extrembelastungen von Bahnhöfen (15.10.2015 – weiter Zufahrt mit Sonderzügen nach Salzburg Hbf trotz Überlastung) wurden immer wieder ORF und Print-Medienberichte über katastrophale Bahnhofszustände verursacht, die dem System Bahn und damit der Passagiernachfrage massiv schaden. Dies führte zuletzt zum Ausfall von 15-20% Nachfrage. Wir fordern daher auch das generelle Benützungsentgelt ab September 2015 um 20% zu reduzieren […].“ Konkret fordert er, die Flüchtlinge dürften nur fahren, wenn die Bahnhöfe gerade leer stehen, Kapazitäten haben. Wo zum Teufel lebt dieser Mann? Wir haben es hier mit einer Nachricht aus Bonzenhausen zu tun. Solche Typen sind der lebende Bestätigung für meine Theorie, dass zu viel Geld dumm macht, entfremdet und entsolidarisiert.

Beeindruckend naiv auch der Hinweis, die Sonderzüge der ÖBB seien durch Überfüllung der Bahnhöfe schuld an „Medienberichten […], die dem System Bahn und damit der Passagiernachfrage massiv schaden“. Für jemanden, der das System Bahn aus rein kurzfristigen, gewinnorientierten Gesichtspunkten sieht, wie Forster offenbar, mag zutreffen, dass hier ein Schaden eingetreten ist. Doch kann auch behauptet werden, die Sonderzüge für Flüchtlinge gehören zu den wenigen aktiv politischen Aktionen von Bahnunternehmen der letzten Jahre und kommunizieren auch viel Gutes über „die Bahn“ nach außen. Oft genug wird die Eienbahn mit KZ-Transporten und Massendeportation in Verbindung gebracht. Hier hat das System Bahn helfend, deeskalierend und positiv eingegriffen und gewirkt. So einen Aspekt zu sehen, das ist Typen wie Forster aber unmöglich, weil da rinnt ja kurz mal weniger Kohle. Un das ist für ihn die Folie, durch die er alles sieht.

Der Shitstorm hörten auch nachher nicht auf, dafür hat sich Westbahn auch neue Freunde gemacht.

Der Shitstorm hörte auch nachher nicht auf, dafür hat sich Westbahn neue Freunde gemacht. (von der fb-Seite von Westbahn)

Gut erkennbar ist an der ganzen Geschichte auch der Unterschied zwischen zwei Zugängen zum System Bahn. Für den CEO ist es eine Cashcow, die Cash abwerfen muss. Für die meisten anderen Menschen ist es zentrale Infrastruktur, die genau in Momenten wie diesem von der Gesellschaft genutzt werden kann, um Katastrophen zu verhindern oder deren Folgen abzuschwächen. Viele gehen so weit zu sagen, solche lebenswichtigen Infrastrukturen dürfen gar nicht privatisiert werden und ich selbst neige ebenso zu dieser Ansicht. Folgers Brief zeigt uns deutlich, warum ich die Ansicht teile: Ginge es nach Typen wie ihm, hätten die Flüchtlinge selbst sehen müssen, wie sie weiter kommen, aber sicher nicht über seinen Bahnhof. Sie wären gestrandet, zu Fuß gegangen in langen Kolonnen, während die Züge unbehelligt ihre Runden ziehen. Es ist die Kaltschäuzig- und Kaltherzigkeit solcher Menschen und Systeme, die mich abstoßen, ihre Empathielosigkeit, die mich wütend macht. Es ist mir ein Horror mir vorzustellen, solche Leute kontrollieren unsere ganze Infrastruktur, unser Wasser, unsere Energie. Von solchen Menschen will man sich doch nicht abhängig machen, oder?

Noch ein Schmakerl zum Abschluss: „Der Schutz der Rechte und Interessen von Flüchtlingen ist in höchsten Maße schützenswert [sic!, der Schutz ist schützenswert, nicht die Rechte, Anm.], jedoch besteht auch eine Verpflichtung […], Bahnhöfe als strategisch besonders hochwertige Strukturen zu schützen und die Nutzung für die Öffentlichkeit zu gewährleisten.“ Ohne es zu verstehen, liefert uns Forster hier das beste Argument, unsere strategisch besonders hochwertige Infrastruktur keinesfalls in die Hände von Leuten wie ihm fallen zu lassen: Er erkennt nicht, dass diese Reisebewegung der vielen Flüchtlinge genau so ein Fall ist, für den die Bahnhöfe funktionstüchtig gehalten werden müssen. Er erkennt nicht, was um sich vor sich geht. Er sieht nicht, dass genau das die Katastrophe ist, für die wir Zugriff auf Bahnhöfe brauchen. Und wir sehen, er würde sie vielleicht auch uns im Katastrohenfall vorenthalten, weil er zu beschränkt ist, die Katastrophe zu erkennen.

Zum Standard-Atrikel zum Brief hier

Die Westbahn hat sich noch weitere Freunde gemacht. Die rechtsextreme Seite unzensuriert.at jubelt mit, wie sehr sie jubeln, sehr ihr hier. Sonst verlinke ich ja ungern faschistische Links, aber hier hat’s Informationsgehalt, finde ich.

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