Über die „Dummheit“ des jeweils anderen

Stimmzettel der Gemeinde- und Bezirksratswahl 2015 – Leicht war das nicht!

 oder: Sie sind genau so wie wir!

Was haben wir doch alle gelacht in unseren feinen, leicht linken Foren, wenn wir – einigermaßen gebildet – das Posting eines Freiheitlichen gelesen hatten. Schon wurde im orthographischen Teil unseres gymnaisalen Gehirns der Rotstift angesetzt, es wurden Beistriche (meist) hinzugefügt, auf die Bedeutung des scharfen S verwiesen oder ein langes I in Erinnerung gerufen. Wie selbstzufrieden konnten wir uns zurücklehnen und in einer PN an unsere FB-Freunde vermelden, wie „dumm“ sie alle seien, diese FPÖ-Wähler_innen. Man wurde sich auch unbedingt einig, so viel „Blödheit“ dürfe niemals regieren.

Die Doofheit der „Spitzenkräfte“

Zum guten Ton gehört es ja schon seit Jahren, an der intellektuellen Kapazität zumindest der meisten blauen Funktionär_innen zumindest zu zweifeln, und sich bei vielen einfach nur ganz sicher zu sein: Dumm! Oft wurden derartige Urteile, die häufig ihre Berechtigung haben, begleitet von Sätzen wie: „Unglaublich was der/die faselt.“ Besonders während Interviews sehr beliebt war und ist das: „Wovon redet der? Hat sie/er die Frage nicht verstanden?“ Und wahrlich, die Riege der FP-Funktionär_innen der letzten zwanzig Jahre hat sich nicht gerade durch – im engen Sinn – intelligente Beiträge bekannt gemacht, sondern meist durch laute und hasserfüllte.

Und dann gibt es da noch Schmankerln, wie die rhetorischen Ausflüge des Karl Schwab im niederösterreichischen Landtag, wodurch der Wahrheitsbeweis der angedachten Dummheit der anderen auch wirklich erbracht schien. Unvergessen bleibt diesbezüglich die einzige Rede, die Ex-Abfahrts-Olympiasieger und FP-Kurzabgeordneter Patrik Ortlieb in einer ganzen Legislaturperiode hielt. Der war selbst den Blauen zu peinlich. Er hob an mit: „Wir haben jetzt nahezu 17 Uhr. Wir diskutieren den ganzen Tag über Menschenrechte. Anscheinend gibt es nicht sehr viele Themen, die Sie von der Opposition einbringen können.“ Es ging an diesem Tag in einer Sondersitzung um die Bespitzelung von Bürger_innen durch FPÖ-nahe Polizeibeamte. Was dieser Mann in wenigen Minuten an Gehirndreck produzieren konnte, ist wirklich der Rede wert. Lest das mal nach!

Tief ins Gedächtnis rammten sich die Ausführungen von Ex-Sozialminister und Ex-Vizekanzer [sic.] Haupt, wobei der im Nachhinein der sympathischste Vorsitzende war, den die Partei in den letzten 70 Jahren hatte. Die Liste ist beliebig bis in die Gegenwart fortzusetzen. Eine bemerkenswerte Zwischenetappe war, wie doof Strache bei Roman „Kaiser“ Palfrader wirkte. Und Ursula Stenzel ist und bleibt einfach nur Ursula Stenzel.

Prolet und Proletarier

Ganz anders, als bei den Funktionär_innen verhält es sich aber bei den FPÖ-Wähler_innen. Wer sich – eben als Funktionär – exponiert, muss auch Spott und Hohn ertragen. Wer sich so weit exponiert, alle FP-Wähler_innen schlichtweg als „dumm“ abzustempeln, für den gilt dies ebenfalls. Das zu tun, ist überdies dumm, politisch dumm. Oliver Pink in der Tageszeitung Die Presse; „Aus dem einst ’stolzen Proletarier‘ ist in den Augen so mancher SPÖ-Funktionäre ein ‚Prolet‘ mit schlechten Manieren und Ressentiments geworden, mit dem man besser nichts zu tun haben will.“ Genau so wie den Erhabenen in diversen Parteizentralen erging es in diesem Wahlkampf auch (vielen von) uns.

Selbst Menschen, die traditionelle Linien linker Politik vertreten, und solche, die auf der Straße auf Klassenkampf machen, verstiegen sich dazu, jene pauschal zu verspotten, die „nicht sinnerfassend lesen“ können, jene, die berechtigte Wut in die Arme von Rechtsextremen getrieben hat, weil ihnen die Existenz im System zerstört wurde. Wir verspotten jene, die angstvoll unter dem Tisch sitzen und nicht mehr aus noch ein wissen und die in einem Rundumschlag irgendwie versuchen, einen Anflug eigener Macht zu spüren.

Bei FPÖ-Wähler_innen vergessen wir gern, welcher Art das System ist, das uns umgibt; wie es „Verlierer_innen“ produziert und definiert, wer eine_r ist, wie es Menschen drangsaliert. Und wir vergessen, wie menschlich es ist, mit Wut und Zorn zu reagieren und nach unten zu treten. Wie viele Menschen, uns alle eingeschlossen, sind wirklich sicher davor, in die Enge gedrängt, genau das zu tun, obwohl wir uns doch so vorgenommen haben,…? Ist dieses FPÖler-Treten, nicht auch eine Form von vermutetem nach unten Treten? Es sind Momente der Verzweiflung, Momente der Machtlosigkeit, der Entrechtung, die Menschen auch dazu bringen, ein Kreuz bei dieser Partei zu machen und Schuldige zu finden. Wen finden sie im „politischen Spektrum“ (wie das so schön heißt)? Wer sonst bietet wirklich Verantwortliche für das ganze Desaster an, das in Europa derzeit abläuft (Griechenland, Massenarmut, …)? Wer solidarisiert sich mit uns, wenn wir nach oben treten wollen? Gibt es eine Partei, die Alternativen zu „die Ausländer“ anbietet? Gibt es eine Partei, die ernsthaft jene beschuldigen würde, die mit Milliarden in Steueroasen verschwinden oder jene, die das Verhungern und Verdursten von Millionen Menschen organisieren? Jene, die Krankenkassen aushungern? Das wäre doch mal eine Alternative zu „die Ausländer“, doch keiner schlägt sie vor. Im Blick anderer Parteien sind wir selbst schuld: zu unflexibel, zu ungebildet, zu krank, zu unmodern etc.

Eines ist viel zu wenig

Ich habe beim Spott, der den Wähler_innen der FPÖ entgegen schlägt, eine Assoziation: die Ansicht vieler Atheisten, religiöse Menschen müssten auch dumm, also nicht intelligent sein, alleine aus dem Grund, weil sie eben an den „unlogischen“ Gott glauben. Das ist natürlich ein ausgesprochener Quatsch, weil hier vergessen wird, dass der Mensch logischerweise nicht nur aus Logik besteht. Glücklicherweise! Versteht mich nicht falsch, ich sehe kein Problem darin, Religion als Konzept, als Idee sowie auch deren radikalen Vertreter_innen, die anderen ihre Rechte stehlen wollen, anzugreifen, ja schärfstens zu attackieren. Aber ich werde hoffentlich nie (mehr) einen Menschen nach nur einem einzigen Merkmal, das ich über ihn weiß, pauschal beurteilen. Das ist ein persönlicher, wie ein politischer Grundsatz. Ich greife die Religion an, nicht die Gläubigen.

Ähnlich ist es bei der FPÖ: Die mit der Partei verbandelten Kellernazis aus aller Welt, die auf der Straße „Ausländer klopfen“, die Führungsriege, die Gift und Galle in die Welt kotzt, die Ideen, die durch sie verbreitet werden, und die Ideolog_innen, die blanken Hass in Politik umdeuten, sie alle sollen Widerstand spüren, starken, massiven Widerstand. Doch alles in mir sträubt sich dagegen, einen Menschen, wen auch immer, aufgrund eines Merkmales als „dumm“ oder „Prolet“ zu titulieren, nicht einmal, wenn er FPÖ wählt.

Leider geil!

Im Wesentlichen sind sie unsere Verbündeten, die Armen, die von der Bildung Ausgeschlossenen, die Obdachlosen, die Flüchtlinge, die Sozialhilfe-Empfänger_innen, die vom AMS als „Kunde“ behandelten, die „von Armut bedrohten“, die schon lange arm sind. Wir sind es selbst und es sind unsere Freund_innen, die vom Nebenjob im Studium Rausgeschmissenen, die in der Karenz allein Gelassenen. Als solche, sollten wir auf sie zugehen, sonst arbeiten wir an deren und unserer eigenen Einkasernierung mit. Diese Menschen „checken“ sehr wohl etwas, haben anders leben gelernt, als viele von uns an Universitäten und in Fischrestaurants. Jemanden, der von vornherein dumm ist, dem traut man ja gar nicht zu, solche erhabenen Ideen zu teilen wie die unseren. Solchen Personen traut man damit auch nicht zu, auf unsere Seite zu wechseln. Das macht es politisch dumm. Arrogant ist es ohnehin.

Es gibt ein Lied, das ich besonders mag. Es ist „Leider geil“ von Deichkind. Ich liebe diesen Track wegen einem Satz im Refrain, für mich der Schlüsselsatz, den sehr viele sehr gern überhören. Das Video besteht aus einer Aneinanderreihung kurzer Videosequenzen, in denen sich Menschen ganz echt zum Affen machen. Der Schlüsselsatz lautet: „Sie sind genau so wie wir!“ Hört euch das mal an!

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Ein Kommentar zu “Über die „Dummheit“ des jeweils anderen

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