Demonstration gegen Akademikerball – Im Kessel und darüber hinaus

Über einen Polizeipräsidenten, der noch ein paar Anzeigen brauchte, über ganz, ganz wichtige Polizeibeamte und einen singenden Kessel – eine Bilanz.

Wie gut, dass wir sie haben. auch in Wien 15. (c) Buendia Bee

Wie gut, dass wir sie haben. Auch in Wien 15. (c) Buendia Bee

Der Kessel als solcher ist eine Barriere, bestehend aus Polizisten und -innen, die eine Gruppe von Demonstrant_innen umzingeln. Das darauf folgende Prozedere ist bekannt: Die Menschen dürfen nach stundenlangem Warten nur einzeln den beschriebenen Kessel verlassen, woraufhin ihre Personalien festgestellt werden – zum Zwecke einer künftigen Anzeige mit Bußgeld.

Das Vergehen, dessen wir, die Insassen des Kessels, am vergangenen Freitag bezichtigt werden, ist, an einer von der Polizei bereits aufgelösten Demonstration weiterhin teilgenommen zu haben. Ich selbst hatte ja von der Auflösung schlicht gar nichts mitbekommen.

Nun schloss sich also plötzlich ein Ring aus Polizist_innen um mich und viele andere sehr zufällig zusammenstehende Menschen. Wir waren vielleicht 150. Viele von uns waren eher verblüfft, weil es doch eine Überraschung war, plötzlich keinen Ausgang zwischen den Dutzenden dicht Spalier stehenden Beamt_innen mehr zu finden. Es gab keinen äußerlichen Anlass, jetzt gegen uns vorzugehen, der mir ersichtlich gewesen wäre.

Und es gab auch keinen mir ersichtlichen Grund, warum die Polizisten plötzlich willkürlich und massiv Pfefferspray gegen Demonstrant_innen einsetzten. Gut, da stand eine größere Gruppe dicht vor einem Teil der Beamtenkette und schimpfte ein wenig und man machte sich lustig über sie. Aber das wird man ja wohl noch dürfen, würde ich mal sagen. Komik und Satire sind friedliche Mittel der Konfrontation und die Polizei hat damit umgehen zu können. Doch so war es nicht an diesem Tag. Auf ein Mal zogen mehrere Beamte gleichzeitig ihre Pfefferspray-Flaschen (nicht Fläschchen für die Handtasche, ich meine richtig große Flaschen) und attackierten damit die Gruppe. Mehrere Personen wurden dadurch verletzt. Sie wurden im Kessel versorgt. Auch sie durften nicht raus, obwohl für mindestens zwei von ihnen die Rettung gerufen wurde. Mindestens vier von ihnen erwischte es richtig schlimm. Ihre Augen brannten, sie schrien und konnten kaum glauben, was gerade geschehen war. Ihr Haut extrem gerötet. Es dauerte lange, bis ihre Schmerzen endlich nachließen.

Pfefferspray ist eine fiese Waffe, vor der man sich nur schwer schützen kann. Sie greift die Augen an, die selten verdeckt sind. Die plötzliche Attacke auf diese Gruppe war aus meiner Sicht eine Provokation von Gegengewalt, die aber einfach nicht kam. Obwohl viele von uns zusehen mussten, wie ihre Freunde in Schmerzen lagen, drehte niemand durch, was verständlich gewesen wäre. Und das war gut so.

Die Gruppe im Kessel reagierte stattdessen mit Solidarität, Spaß und Geduld. Nachdem der erste Schock über die Schließung des Rings und den plötzlichen Angriff verflogen war, nachdem die Verletzten einigermaßen versorgt waren, begann das „geilste linke Vernetzungstreffen, das die Bullen je organisiert haben“, wie es ein Demonstrant später beim Verlassen des Kessels formulierte.

Die Gespräche untereinander wurden stetig intensiver. Der Schock wich und die Menschen begannen wieder zu lachen. Mir schien, die Polizei habe es hier geschafft, die 150 friedlichsten und entspanntesten Teilnehmer_innen der ganzen Demonstration zufällig an einem Ort zusammenzubringen. Dabei stimmte dieser Eindruck gar nicht. Wir waren wohl ein guter Querschnitt derer, die nicht dulden wollten, dass die Hofburg für rechtsradikale Vernetzung unter Polieischutz missbraucht wird. Nur wenige schimpften über die Situation und wurden meist umgehend von anderen beruhigt und umarmt. Kaum jemand schimpfte auf die Polizei, wir ignorierten sie, so gut es ging.

Ein junger Mann fing an, Gitarre zu spielen, viele sangen mit. Da fingen andere zu tanzen an und noch mehr stimmten ein. Phasenweise tanzte der ganze Kessel. Dann wollten einige im Kreis laufen, die Reihen der Polizist_innen entlang, immer und immer im Kreis, manchmal „Freiheit!“ rufend, manchmal „Wir sind das Volk!“ Aber niemals aggressiv. Die Stimmung war freundlich, untereinander freundschaftlich. Manche bequatschten einzelne Beamte, dass sie doch nachdenken sollten und die Befehle, die hier gegeben wurden gefährlich seien und dass es doch auch keine schöne Sache sei, Nazis zu beschützen. Es war unmöglich, dass sich auch nur ein Polizist in der Situation bedroht fühlte.

Zwei junge Frauen wurden schließlich doch noch ein bisschen grantig, weil sie nicht aufs Klo durften und „echt Pipi“ mussten, wie mir eine von ihnen sagte. Doch auch sie lösten das Problem elegant. Zuerst zog sich eine der beiden die Hose herunter, hockte sich vor die staunend-gaffende Kette hin und ließ es laufen. Prompt fühlte sich davon einer bedroht. So ein ganz besonders großer und wichtiger und überhaupt ganz strenger Obermacker-Helden-Bulle konnte es nicht lassen, die junge Frau unsanft am Arm zu packen. „Du kommst jetzt mit!“ gellte er und zerrte sie dann in Heldenpose zum Einsatzfahrzeug. Wahrscheinlich ging ihm dabei einer ab, es liegt dafür aber keine Bestätigung vor.

Die zweite junge Frau folgte umgehend der ersten und tat genau das selbe, während eine Freundin sie mit einem antifaschistischen Plakat ein wenig versteckte. Da hockte sie nun, grinste hinter „Nazis raus!“ hervor und ließ es ebenfalls laufen. Und weil der Obermacker-Helden-Vollidiot noch beschäftigt war, grinsten auch ein paar Beamte und ließen es einfach geschehen. Danach ging es ihr besser: „Ich fühle mich wie eine ganz neue Frau“, sagte sie, und grinste wieder.

Der Vollständigkeit halber sei hier noch erwähnt, dass es unter erniedrigende Behandlung bzw. Folter fällt, Gefangene zu hindern, ihre Notdurft zu verrichten. Und da eine der beiden umgehend unsanft abgeführt wurde, wurden die Frauen ja wirklich daran gehindert. Aber wir sehen auch, dass sich selbstbewusste und lösungsorientierte Frauen auch von Vollidioten in Uniform einschließlich erniedrigender Behandlung nicht aufhalten lassen. Das hat dem Obermacker-Helden sicher gar nicht gefallen. Mir schon.

Nach über einer Stunde möglichst geselliger Gefangenschaft, wurde es aber doch kalt. Die Kälte war das größte Problem. Da half das Tanzen, Lachen und Laufen aber auch ganz gut. Was außerdem half, war das plötzliche Vorhandensein von Unmengen Brötchen, Nüssen, Keksen, die Menschen von „draußen“ uns gebracht hatten. Und das alles wurde geteilt. Ich wurde das Studentenfutter gar nicht mehr los, weil keiner mehr Hunger hatte. Das war gut für uns und wer immer das gebracht hat, sei hier besonders lobend erwähnt. Dankeschön!

Nach einer Weile ließen sie die Leute einzeln raus und auch das dauerte natürlich sehr, sehr lange, weil sie uns – selbstredend – nicht einfach gehen lassen wollten, sondern unsere Personalien aufnahmen zur Vorbereitung einer Anzeige wegen eines Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz.

Auch der Polizeipräsident muss ja irgendwie die Eskalationsstrategie des von ihm geleiteten Apparats mit Platzsperren und Vermummungsverbot rechtfertigen und da ist es dann natürlich auch hilfreich, wenn auf einer Demo was passiert, wenn sie eskaliert und ein paar Anzeigen gemacht werden können. Die Menschen, die für die Einbringung der für den Polizeipräsidenten notwendigen Anzahl von Anzeigen verwendet werden, sind dann eben wild zusammengewürfelt, zufällig erwählt. Das war kein Zugriff auf einen radikaleren Kern oder Teil einer Demonstration. Da ging es einfach darum, noch 150 Anzeigen zu fabrizieren, was dann im hauseigenen Boulevard gut verkauft werden kann und zur Rechtfertigung der Grundrechtseinschränkungen herangezogen wird.

Ich ziehe also nach dem Aufenthalt in diesem Kessel eine zweischneidige Bilanz.

Einerseits gab es Verletzte, Anzeigen und Repression. Wir wurden unserer tatsächlichen Bewegungs-Freiheit beraubt, nachdem bereits im Vorfeld unser Recht auf Versammlung beschnitten worden war. Wir waren massiven Grundrechtseinschränkungen unterworfen. Und eigentlich war ich richtig sauer.

Doch die Antwort darauf war ein unglaublich lebendige, eine solidarische. Die Stimmung unter den Gefangenen war gelöst und entspannt, trotz der Polizei. Nicht weil die Polizei so freundlich war, konnte es sich so entspannen, sondern die gesamte Lage entspannte sich durch den Beitrag der Protestierenden. Wir hätte einen Preis für Improvisations-Theater und Impro-Gaudi verdient, anstatt der Anzeigen.

Doch uns einfach ziehen zu lassen, kam natürlich nicht infrage, nein. „Wir brauchen noch 150 Anzeigen, dann haben wir einen runden Bericht“, verlautet es aus der Boulevard-Redaktion. Und diese 150 wird es dann auch geben.

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