Roma Pride Wien: Haben wir den Zweiten Weltkrieg schon vergessen?

Roma-Pride Bühne

Roma-Pride Bühne

In 15 europäischen Staaten fanden heute Veranstaltungen für die Rechte der Roma und Sinti statt. In der Wiener Innenstadt versammelten sich an die 200 Menschen zur „Roma Pride“-Kundgebung, die vom Romano Centro und SOS Mitmensch veranstaltet wurde. Die RednerInnen erinnerten dabei an die Diskriminierung und Verfolgung von Roma und Sinti im Europa der Gegenwart. Während also die Verfolgung durch rechtsradikale Banden und staatliche Einrichtungen zunimmt, war die Mobilisierung von wenig Erfolg gekrönt. „Für Roma zu mobilisieren ist immer schwer. Kaum jemand interessiert sich für uns“, fasste ein Teilnehmer traurig zusammen.

Wenig Solidarität trotz massiver Verfolgung

„Roma Pride“-Kundgebungen fanden heute in 15 Städten statt, darunter Istanbul, Budapest, Paris und Belgrad. In Vorbereitung der Aktionen wurde ein Manifest ausgearbeitet, das von Vereinen und Verbänden in 30 Staaten unterzeichnet wurde. Wie schwer es aber ist, Menschen für die Anliegen der Roma auf die Straße zu bringen, zeigte die Veranstaltung beim Burgtheater. Gerade einmal 200 fanden sich ein, was von gefährlichem Desinteresse angesichts der derzeitigen Bedrohungen zeugt.

Andrea Härle, Romano Centro: "Es gibt auch Übergriffe in Österreich."

Andrea Härle, Romano Centro: „Es gibt auch Übergriffe in Österreich.“

Die RednerInnen auf der Bühne machten auch sehr deutlich, wie gefährlich die Sutiation in vielen europäischen Ländern für die Roma ist. Dies trifft nicht nur für osteuropäische Staaten zu. Andrea Härle vom Romano Centro: „Rassismus gegen Roma in Europa ist ein Thema, das leider immer aktueller wird. Es gibt auch Übergriffe in Österreich. Wir erinnern uns, dass Anfang September eine Sinti-Gruppe aus Bischofshofen vertrieben worden ist. Die Polizei musste sie vor Übergriffen schützen. Ich bitte euch, auch an anderer Stelle eure Stimme zu erheben gegen Stereotypisierung und gegen Rassismus.“

Wie kann es sein…?

Die ungarische Aktivistin Àgnesz Daróczi erkärte in ihrem Redebeitrag zunächst, warum der Titel „Roma Pride“ richtig gewählt ist: „Wir sind stolz. Wir Roma sollen stolz sein auf unsere Ur-Eltern, die immer im Frieden in verschiedene Länder Europas kamen. Wir machten niemals Krieg, wir okkupierten niemals Länder. Wir sind im Frieden gekommen, haben unsere Kenntnisse angeboten und wir wollen jetzt Frieden.“

Ágnesz Daróczi: "Unsere Väter, unsere Mütter, wir und unsere Kinder wollen arbeiten. Aber wir können nicht, weil unsere Hautfarbe erkennbar ist."

Ágnesz Daróczi: „Unsere Väter, unsere Mütter, wir und unsere Kinder wollen arbeiten. Aber wir können nicht, weil unsere Hautfarbe erkennbar ist.“

Anschließend ging sie auf die Situation in Europa ein: „Wie ist es möglich, frage ich, dass aus Frankreich die Roma wieder zurückgeschickt werden? Wie ist es möglich, dass eine linke Partei diese Politik macht? Wie ist es möglich, dass es hier noch Vorurteile gibt? Wie ist es möglich, dass es in Schweden von den jetzt geborenen Roma-Kindern ein Register gibt? Haben wir den zweiten Weltkrieg schon vergessen? Haben wir schon vergessen, dass zwei Nationen nur deswegen verfolgt wurden, weil sie als Juden und Roma geboren wurden?“

Behördliche Ignoranz

Miklós Rafael, dessen Wohnung von Neo-Nazis in Brand gesetzt wurde und der zur Emigration aus Ungarn gezwungen war, berichtet von der Ignoranz der Behörden nach dem Anschlag auf ihn und seine Familie: „Nachdem unsere Wohnung angezündet wurde, haben wir vom Staat keine Hilfe bekommen. Lediglich ein paar Adressen für Obdachlosen-Unterkünfte. Da meine minderjährige Tochter in keinem Obdachlosen-Heim leben konnte, ist sie in eine Pflegefamilie gekommen.“ (Der Beitrag von Miklos Rafael zur Gänze am Ende des Artikels)

Willkür und Zensur

Plakate der Künstlerin Marika Schmiedt. Ihre Kunst wird von der ungarischen Botschaft und nationalistischen Gruppen massiv bekämpft.

Plakate der Künstlerin Marika Schmiedt. Ihre Kunst wird von der ungarischen Botschaft und nationalistischen Gruppen massiv bekämpft.

Am Rande der Kundgebung wurden Plakate der Wiener Künstlerin Marika Schmiedt präsentiert. Die Werke sind Teil einer Ausstellung, die morgen, Montag, in Linz (wieder) eröffnet wird, und die verschiedenen Methoden der Roma-Diskriminierung zum Inhalt hat. Diskriminierung hat sie am eigenen Leib gespürt. Bereits im April sollte die Ausstellung in Linz gezeigt werden, doch nach nur zwei Tagen kamen Polizeibeamte und entfernten de Plakate in einem unglaublichen Akt staatlicher Willkür und Zensur. Und auch die Wiederholung der Ausstellung, die morgen eröffnet werden soll, wurde bereits zum Politikum. Die ungarische Botschaft führte eine regelrechte Kampagne dagegen und bezeichnete die Schau als „verhetzend“ und „rassistisch“. Regierungstreue Medien in Ungarn nahmen das gerne auf. Dies ist ein gutes Beispiel, wie eine rassistisch verfolgte Minderheit von der Mehrheit als Rassisten dargestellt werden – klassische Täter-Opfer-Umkehr.

Das Klischee gefällt dann doch

Ein Auftritt des Ausnahmemusikers Harri Stojka und seiner Band beendete die Kundgebung. Und siehe da, kaum wurde Roma-Musik gespielt und nicht mehr über die Diskriminierung der Roma gesprochen, blieben PassantInnen stehen und der Platz füllte sich merklich. Solange das Klischee bedient wird, kann eine Mehrheitsbevölkerung sehr interessiert sein. Und dennoch: Die Band begeisterte, es wurde getanzt und gefeiert.

Der wohl bekannteste Rom Österreichs, Harri Stojka (ganz links), und seine Band.

Der wohl bekannteste Rom Österreichs, Harri Stojka (ganz links), und seine Band.

Andrea Härle vom Romano Centro meinte zum Schluss: „Ich bin froh, dass doch einige Leute gekommen sind. Es wäre natürlich im Sinn der Sache besser gewesen, es wären deutlich mehr gewesen. Mir ist nicht ganz klar, warum es so schwer ist, zu mobilisieren. Das scheint ein Thema zu sein, das nicht sehr viele Leute interessiert.“

Wir scheinen den zweiten Weltkrieg wohl wirklich schon vergessen zu haben und hinzunehmen,wenn Mitmenschen wieder verfolgt und ermordet werden.

Hier nun der Redebeitrag von Miklós Rafael in (fast) voller Länge:

Ich bin Vater von fünf Kindern, alleinerziehend bin ich seit Juni 2011. Mein ältester Sohn ist aus Ungarn geflohen, weil er die vielen Anschläge nicht mehr ertragen konnte. Heute befindet er sich in einer psychiatrischen Anstalt. Ich habe eine kleine Tochter, die bei Pflegeeltern lebt.

Miklos Rafael: "Ich liebe alle Menschen, nur das hasse ich, was sie mit ihren Mitmenschen machen."

Miklos Rafael: „Ich liebe alle Menschen, nur das hasse ich, was sie mit ihren Mitmenschen machen.“

Nachdem unsere Wohnung angezündet wurde, haben wir vom Staat keine Hilfe bekommen. Lediglich ein paar Adressen für Obdachlosen-Unterkünfte. Da meine minderjährige Tochter in keinem Obdachlosen-Heim leben konnte, ist sie in eine Pflegefamilie gekommen. Dort hat sie begonnen zu rauchen, zu trinken und Drogen zu nehmen. Sie wollte Anwälte werden, solange sie die Sicherheit ihrer Familie gespürt hatte. Doch mit ihrer Sicherheit, verlor sie auch ihre Träume. Sie wurde schwanger, verlor das Kind aber wegen dem Stress.

Hier in Österreich habe ich einen Sohn, er ist auf dem einen Auge blind, auf dem anderen sieht er kaum. Meine Tochter ist 25 Jahre alt. Sie ist vollzeitbeschäftigt, sie ernährt uns. Sie zahlt die Miete und so leben wir. Das ist gut. Ich habe eine Tochter in Ungarn, die vier Kinder hat und zu hause hungern muss. Sie möchte nicht nach Österreich. Sie ist zu hause geboren und möchte zu hause sterben.

Nach allen Tragödien, die uns widerfahren sind, habe ich mir überlegt, wie es wäre, ein Maschinengewehr zu kaufen und mich zu rächen. Doch als ich in die Augen meiner Kinder blickte, überkam mich Schande. Sie gaben mir Kraft, so wie die Worte meines Vaters mir Kraft gaben: Wir haben kein Recht einem anderen Menschen Leid zuzufügen. Denn die Menschen hat Gott erschaffen und so gehören sie ihm, wie auch die Rache ihm gehört. Jetzt denke ich lieber darüber nach, wie man den Rassismus beenden könnte. Ich komme zu dem Schluss, dass man ihn zwar nicht beenden, doch sicher mildern könnte. Und darum bemühen sich die Gesellschaft Bedrohter Völker, Romano Centro und die Volkshilfe. Leider Gottes brauchen wir solche Institutionen immer noch.

Zum Abschluss der Kundgebung ein Tänzchen zur Musik von Harri Stojka und seiner Band.

Zum Abschluss der Kundgebung ein Tänzchen zur Musik von Harri Stojka und seiner Band. Unter den TänzerInnen auch Herr Rafael

Ich weiß, dass wir in schweren Zeiten leben. Ich weiß, wie es ist, wenn man seinem Kind nichts zu essen geben kann. So kommen die schlechten Gedanken. Jeder, der sich in dieser Lage befindet, sollte durchhalten, die Zähne zusammenbeißen und auf Gott vertrauen, denn er zeigt uns den Weg und gibt uns Kraft. Auch uns hat er den Weg gezeigt und jetzt sind wir hier in Österreich. Ich danke Gott, dass er die Leute, die uns geholfen haben, auf unseren Weg geleitet hat. Ich liebe alle Menschen, nur das hasse ich, was sie mit ihren Mitmenschen machen. Vielen Dank.

Unterstützende Organisationen der Kundgebung: Ketani (Linz), Volkshochschule der Burgenländischen Roma, Voice of Diversity, Verein Roma Service Kleinbachselten/Burgenland, Gesellschaft für bedrohte Völker, ZARA u.a.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s