Anwalt Doshi: Kirche hat „kein Mitgefühl für Opfer“

Der Feldkircher Anwalt Sanjay Doshi, Vertreter der beiden Kläger gegen das Kloster Mehrerau, im Bienen-Interview. Über mangelndes Interesse an Wiedergutmachung, klösterliche Verharmlosung von Sexualverbrechen, über nicht eingetretene Verjährung und die zweifelhafte Solidarität der Alt-Mehrerauer.

Was waren in den beiden Prozessen die entscheidenden Momente?

Da gibt es große Unterschiede zwischen den Prozessen. Bei Christian C war das psychologische Gutachten entscheidend. Damit ist der Prozess komplett zu unseren Gunsten gekippt. [Im Gutachten wurde eine Dissoziation attestiert. Das bedeutet, dass Teile der Erinnerung nach Traumatisierungen nicht mehr abrufbar sind. Anm.] Auch die Richterin hielt am Anfang nicht für möglich, dass so ein Prozess im Gehirn stattfinden kann. Der Sachverständige sagte im Gerichtssaal dann aber, 40 Prozent aller schwer traumatisierten Opfer würden an einer solchen Dissoziation leiden. Ich argumentierte dann, Christian C habe die Informationen bis 2012 gar nicht zur Verfügung gehabt und deshalb seine Ansprüche gar nicht geltend machen können. Darum sei es nicht verjährt. Diese Sätze waren entscheidend.

Was war beim Prozess von Bruno G entscheidend?

Hier war entscheidend, dass die Polizei den damaligen Abt Lauterer [nach einer Anzeige gegen Pater B] im Jahr 2004 befragt hatte und Lauterer keine Ahnung haben konnte, was diese Aussage jetzt für eine Konsequenz haben kann. Das hat ihnen das Genick gebrochen. Er sagte 2004, er wisse von der Verurteilung des [Täters] B aus dem Jahr 1967. Am Beginn des Prozesses in der Klagsbeantwortung behauptete das Kloster, man habe von nichts gewusst. Das konnten sie vergessen, nachdem wir die Aussage Lauterers vorgelegt hatten. Er konnte es dann nicht mehr abstreiten.

Für beide Prozesse war aber noch etwas entscheidend: Das Kloster ging immer davon aus, das sei ohnehin alles verjährt. Die haben das nicht ernst genommen. Das merkt man an der Prozessführung. Sie machten 2012 noch eine Presseaussendung, in der sie sagten, Lauterer habe von der Verurteilung nichts gewusst. Da mussten sie dann zurückrudern. Sprich: Als sie sich auf den Prozess eingelassen haben, machten sie sich nicht einmal die Mühe, den alten Strafakt anzuschauen. Sie gingen einfach davon aus, das alles sei verjährt.

Wie wäre das jetzt, wenn sich noch alte Opfer von B melden würden. Hätten die noch eine Chance?

Wenn eine Dissoziation vorliegt, kann ein Kläger auf jeden Fall gewinnen. Vielleicht weiß er es heute noch nicht und kommt irgendwann drauf. Ab dem Zeitpunkt, in dem er es weiß, muss er binnen drei Jahren klagen. Es ist nicht auszuschließen, dass noch mehr kommen.

Bist Du grundsätzlich zufrieden mit dem, was für die beiden Kläger herausgekommen ist?

Ja, ich bin zufrieden. Und ich habe auch diese kirchlichen Institutionen so kennen gelernt, wie sie wirklich sind. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es kein Mitgefühl für die Opfer gibt. Die Denkweise bleibt die eines klassischen Täters. Es wird verharmlost. Da ist im Prozess ein Satz gefallen, der hat mich fast umgehauen: „Sexueller Missbrauch kann auch nicht schlimmer sein, als wenn ein Kind verprügelt wird. Es kann doch in den Auswirkungen kein großer Unterschied sein.“ Das ist das Verharmlosen. So ticken viele und darum gibt es da auch kein Interesse an Wiedergutmachung, weil aus ihrer Sicht nichts gutzumachen ist.

Unlängst hat der Oberste Gerichthof eine Entscheidung zur Klage von Bruno G gefällt. Was bedeutet jetzt die neue Entscheidung?

Der OGH-Entscheid könnte auch ein Hinweis auf andere Prozesse sein, vor allem auf Kremsmünster, wo ja auch der Internatsleiter der Täter war. Interessant ist die Eindeutigkeit, mit der das Gericht sagt, das Kloster sei unmittelbar selbst haftungsbegründend. Nicht der Täter. Es geht also um Haften für eigenes Verschulden. Es wurde ein pädophiler Straftäter zum Internatsleiter bestellt, daher macht sich die Organisation per se schuldig.

Was hat der Prozess für dich bedeutet? Was hast du gelernt? Im Umgang mit den Opfern bzw. Klägern? Juristisch?

Ich habe viel gelernt. Im Umgang mit den Betroffenen,… da weiß ich nicht so recht. Das konnte ich schon ganz gut. Ich habe die Gabe zuzuhören, sagen die Leute.

Viel gelernt habe ich bei den Vergleichsgesprächen. Wenn da ein Angebot von der Mehrerau über 150.000 Euro kommt, nicht sofort zu sagen: Ja, das nehmen wir. Ich habe gelernt zu sagen: Nein, so nicht, jetzt rechnen wir einmal genau nach. Ich bin in Zukunft sicher risikofreudiger. Da bin ich mir sicher.

Würdest du Opfer der Mehrerau wieder vertreten, wenn wer kommt?

Ja, sicher. Natürlich.

Wie waren die Reaktionen auf deine Tätigkeit als ihr Vertreter in Vorarlberg?

Manche rümpfen die Nase. Manche trauen sich es dann erst im Rausch auszusprechen: Jetzt kommen sie, 30 Jahre danach. Aber es haben auch viele, ganz viele gesagt: Super, dass es jemand macht. Die Reaktionen waren gemischt, aber eher positiv.

Bei gewissen Leuten stellt du fest, wie sie die Nase rümpfen und dann merkst du, es ist ein Alt-Mehrerauer. Das war schon bemerkbar.

Also die ehemaligen Schüler der Mehrerau waren da eher solidarisch zum Kloster?

Ja, manche sind total solidarisch zum Kloster. Und da bist du dann als Kläger eine Art Nestbeschmutzer. Die Mehrerau wird von vielen total nostalgisch gesehen. Alles Schlechte wird ausgeblendet. Die Jugend wird halt oft rosarot gemalt. Dass es Phasen gab, die nicht so toll waren, blendet man aus. Genau so ist es bei denen. Aber sonst sehr viel Positives, zum Teil auch von Leuten, bei denen man nicht damit rechnen konnte.

Gibt es noch etwas, was du anderen Opfern gerne sagen möchtest?

Ich würde nicht mehr zur Klasnic-Kommission gehen. Diese Einrichtung ist ja ein Witz. Wo geht das, dass derjenige, der zur Haftung berufen ist, sich selbst die Institution aussucht, die entscheidet, und diese auch noch selbst bezahlt? Und die Leute schlucken das. Maßlos geärgert haben mich auch viele Journalisten, die gefragt haben: Warum gehen sie nicht zur Klasnic-Kommission, die wurde doch extra dafür eingerichtet? Sie sagten das richtig vorwurfsvoll. Die haben überhaupt nicht überlegt, wer diese Kommission bestückt, wer sie bezahlt. Die haben einfach einen Schmarren daher gequatscht. Also ich hoffe, jetzt haben sie die Antwort, warum wir nicht zu dieser Kommission gegangen sind.

Danke für das Gespräch.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Anwalt Doshi: Kirche hat „kein Mitgefühl für Opfer“

  1. Vorab: Es gibt keinen Gott, es gibt keine Götter

    Religionen sind in der Regel ein Übel für die Menschheit. Man denke z.B. auch an die Beschneidung von Jungen im Judentum und Islam. Sind die Religionen von allen guten Geistern verlassen?

    Bei uns in Regensburg sind im Januar über 1,6 Promille der Mitglieder aus den beiden großen christlichen Kirchen ausgetreten, 184 Mitglieder in nur einem Monat. Die meisten „Christen“ sind gegen ihr Selbstbestimmungsrecht, durch die Kleinkindtaufe, in die Kirchen geraten.

    Ich bin gerne bereit, den Vorteil des naturwissenschaftlichen Weltbildes ausführlich darzustellen.

    Joachim Datko – Physiker, Philosoph
    Forum für eine faire, soziale Marktwirtschaft
    http://www.monopole.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s