Analyse: Das Kloster und die gerichtliche Gnackwatsch’n

Ein Blick auf das Urteil des Obersten Gerichtshofs zum sexuellen Missbrauch im Kloster Mehrerau.

Pater B war an Schule und Internat des Klosters Mehrerau jahrelang vor allem durch brutalen Sadismus den Schülern gegenüber aufgefallen. Bereits im Jahr 1967 wurde er wegen sexuellem Missbrauch an zwei Jungen, begangen auf dem Gelände des Stiftes, verurteilt. Davon wusste die Klosterleitung. Dass der damalige Abt, Kassian Lauterer, ihn 1981 dennoch zum Internatsleiter bestellte, wird ihm und seinen Mitbrüdern nun zum Verhängnis. In seiner neuen Funktion vergewaltigte B weiter. Eines seiner vielen Opfer, Bruno G, brachte im vergangenen Jahr eine Schadenersatzklage ein. Der Oberste Gerichtshof (OGH) fällte nun ein Urteil, das getrost als juristische „Gnackwatsch’n“ für die Mehrerau bezeichnet werden kann.

Für das Urteil waren zwei Umstände von besonderer Bedeutung: Erstens hatte Lauterer in einer Polizeieinvernahme 2004 zugegeben, vor der Bestellung Bs zum Internatsleiter von seiner kriminellen Vergangenheit gewusst zu haben. Zweitens war entscheidend, dass der Kläger, Bruno G, erst im Jahr 2012 davon erfuhr, dass B zum Internatsleiter bestellt worden war, obwohl Lauterer davon Kenntnis hatte. Nun aber der Reihe nach.

Keine Verjährung

Für die Frage einer Verjährung ist entscheidend, dass ein Geschädigter Kenntnis über den Schaden und den Schädiger hat, und in der Lage ist, gegen diesen vorzugehen. Erst wenn alle Bedingungen zutreffen, beginnt eine Verjährungsfrist zu laufen. Mit den Worten des OGH: Dem Geschädigten [müssen] alle Umstände bekannt sein, die den Vorwurf eines schuldhaften Verhaltens eines konkret Ersatzpflichtigen sowie des Kausalzusammenhangs zwischen diesem Verhalten und dem eingetretenen Schaden begründen“.

Zwar kannte Bruno G den unmittelbaren Täter, eben den Internatsleiter B. Er wusste aber bis 2012 nicht, wie es zu dessen Bestellung kam, dass der Klosterhierarchie sein Sadismus und seine vorangegangenen Straftaten bekannt waren. „Der Kläger war viele Jahre lang davon ausgegangen, das einzige Opfer dieser Person zu sein. Hat der Kläger aber erst im Jahr 2012 Anhaltspunkte dafür erlangt, dass nicht nur der unmittelbare Täter, sondern darüber hinaus auch die Beklagte [das Kloster] schadenersatzpflichtig sein könnte, weil ihre Verantwortlichen den Täter in Kenntnis seiner kriminellen Neigung zum Regens des Internats bestellt haben.“ Damit, stellt das Gericht fest, beginnt die Verjährungsfrist auch erst im Jahr 2012 zu laufen. Das Kloster hatte sich darauf verlassen, dass alles ohnehin längst verjährt sei. Mit so einem Urteil hatten die Geistlichen nicht gerechnet.

Kloster begründet Haftung selbst

Doch die Tatsache, dass die Taten nicht verjährt sind, ist nur einer der vielen juristischen Tiefschläge, die die Mönche hier einzustecken hatten. Bisher hatten das Opfer und sein Team argumentiert, es handle sich um eine so genannte Erfüllungsgehilfenhaftung. Dies hätte bedeutet, dass die Einrichtung für das (strafbare) Fehlverhalten eines Untergebenen haften hätte müssen. Der Oberste Gerichtshof ging aber noch darüber hinaus. Er stellte fest, dass hier gar nicht erst die Vergewaltigung haftungsbegründend sind, sondern bereits die Bestellung des Täters zum so genannten Regens, wie der Internatsleiter genannt wurde. Die schädigende Handlung ging also vom Kloster und Abt Lauterer aus und lag in der Gefährdung der Schüler.

Dass [das Kloster] ungeachtet der aufgezeigten Umstände einen […] Zusammenhang zwischen der Bestellung des Täters zum Regens des Internats und dem Missbrauch des Klägers im März 1982 leugnen will, […] ist nicht verständlich. Nach den Feststellungen hatte der Regens den Kläger aufgefordert, ihm bei einer Arbeit behilflich zu sein und ihn gebeten, dafür mit seinem Auto mitzufahren. Dass sich eine derartige Gelegenheit für den Täter nicht geboten hätte, wenn er dem Kläger nicht als Internatsleiter bekannt – und von ihm wegen seiner allgemein bekannten Gewaltbereitschaft auch gefürchtet – gewesen wäre, kann keinem vernünftigen Zweifel unterliegen.“ Das sind klare Worte.

Damit steht aber auch unbestreitbar fest, dass der Beklagten [dem Kloster] ein haftungsbegründender Vorwurf zu machen ist, hatte sie doch den Internatszöglingen gegenüber die Verpflichtung, alles zu unterlassen, was für sie erkennbar eine erhebliche Gefahr darstellen könnte. Mit der Bestellung einer Person, deren kriminellen sexuellen Neigungen den Verantwortlichen bekannt waren, zum Regens eines Internats in dem Schüler zu betreuen sind, die als Opfer dieser Neigungen geradezu prädestiniert sind, liegt ein schuldhaftes Fehlverhalten, das die Beklagte ersatzpflichtig macht, wenn sich die von ihr geschaffene Gefahr – wie im vorliegenden Fall – tatsächlich realisiert.“

…für ein römisch-katholisches Kloster doch verwunderlich…

Besonders interessant im Hinblick auf die Vorgehensweise des Klosters Mehrerau ist auch der letzte Satz des Urteils: „Insgesamt erscheint die Argumentation, die in der Behauptung gipfelt, [das Kloster] hätte keine wie immer gearteten Einwirkungsmöglichkeiten gehabt, den Missbrauch zu verhindern, angesichts der Einsetzung des Täters als Regens in Kenntnis vorangegangener einschlägiger Straftaten für ein römisch-katholisches Kloster doch verwunderlich.“

An höchstgerichtlich Urteilen wie dem hier vorliegenden haben sich alle Gerichte bei künftigen Klagen, die ähnlich gelagert sind, zu orientieren. Dass das Kloster hier gar nicht erst für die Taten des Mönches geradestehen muss, sondern für die Gefährdung der eigenen Schüler, ist ein Urteil, das vor einigen Monaten noch sehr wenige für möglich gehalten hätten.

Der Kläger, Bruno G, der mit der Einbringung der Klage einen sehr mutigen Schritt setzte, bekam in vollem Umfang recht. Und das Kloster holte sich die juristische „Gnackwatschn“ ab, die es sich redlich verdiente. Auch während des Prozesses zeichneten sich einige Mönche, vor allem Abt Lauterer, durch ungenierte Lügen, vollkommen mangelndes Unrechtsbewusstsein und den Versuch aus, die Schuld auf die Opfer abzuschieben. Deutliche Worte des OGH können ähnliche Prozessstrategien in Hinkunft vielleicht verhindern. Bei weiteren Klagen werden sich die Orden zumindest überlegen müssen, ob sie weiterhin so frech und verlogen auftreten werden, wie das Kloster Mehrerau bei diesem Prozess.

Das OGH-Urteil im Wortlaut hier

Weitere Berichterstattung der Biene zu den Prozessen gegen das Kloster Mehrerau

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