Straatjournaal – Mihai, der Dichter in „falscher Situation“

Mihai, der Intellektuelle, der seit Jahren auf eine Arbeitsgenehmigung wartet.(c) buendia bee

Mihai, der Intellektuelle, der seit Jahren auf eine Arbeitsgenehmigung wartet.(c) buendia bee

Mihai, wie alt bist Du?

Darf ich auf Rumänisch antworten? (grinst)

Warum verkaufst Du das Straatjournal?

Ich bin im September 2007 aus Rumänien in die Niederlande gekommen. Dafür gab es viele Gründe. Nach dem kommunistischen Regime gab es in Rumänien eine super Demokratie. Aber die gab es nur auf dem Papier. In meinem Land funktioniert Demokratie nicht, es funktioniert nur die Angst.

Drei Millionen Menschen sind aus Rumänien weggegangen. Sie sind jetzt in Westeuropa, in Italien, Spanien und vielen andern Ländern. Viele sind weg, um besser zu leben. Für ein Minimum, nicht für Luxus oder ein super Leben, für ein Minimum an Leben. Das sind Millionen, das bin nicht bloß ich.

Lebst Du heute besser?

Das sind für mich zwei Fragen, eine nach dem materiellen, eine nach dem spirituellen Leben. Materiell lebe ich in den Niederlanden nicht besser als früher. Warum? Weil ich keine Arbeitsgenehmigung habe. Ich bin Straatjournaal-Verkäufer. Ich bin Lehrer für Naturwissenschaften, ich bin Ingenieur. Ich bin intellektuell, ich habe Hobbies, Literatur und anderes. Ich habe in Rumänien in der Redaktion einer Zeitung gearbeitet. Ich kenne mich auch mit Statistik aus, habe gearbeitet. Ich wollte es probieren, aber die Niederlande sagten „Stopp“ zu rumänischen Arbeitnehmern. Seit 2007 warte ich nun schon, dass der Arbeitsmarkt aufgeht, aber es wird dann immer noch länger.

Ich hoffe also auf Januar 2014, dann sollten die Arbeitsmärkte aller EU-Staaten für rumänische und bulgarische ArbeiterInnen offen sein. Ich habe mich schon bei der Post beworben und einen Test gemacht. Da war ich gut, so normal. Da kann ich arbeiten. Eine Lehrerin aus der Stadt würde mich gerne in den Naturwissenschafts-Unterrricht einladen zu einem Dialog über Wissenschaft.

Ich habe jetzt noch ein Problem mit der Sprache. Ich besuche weiterhin einen Sprachkurs, die ersten Stufen habe ich auch bereits absolviert. Bald habe ich wieder ein großes Examen. Insgesamt sind es noch drei Prüfungen, zwei muss ich noch bezahlen. Ich muss also viele Zeitungen verkaufen und jetzt, am Anfang, des Monats, ist die wichtigste Zeit für den Verkauf.

Ich bekomme keine finanzielle Unterstützung. Ich lebe allein vom Verkauf der Zeitungen. Ich habe keine Garantien. Ich will eine Chance, selbst Geld zu machen. Derzeit bin ich einer total falschen Situation.

Mein Sohn ist noch in Rumänien. Er ist meine Familie. Ich bin geschieden, habe aber noch guten Kontakt zu meiner Ex-Frau und wir passen auf, dass er gut ausgebildet wird. 2010 schloss er die Universität ab. Seit 2011 hat er nun Arbeit. Er ist Ingenieur im Transportwesen. Das ist gut.

Mihai, danke für das Interview.

Gerne, darf ich mit Dir auch mal ein Interview machen.

Aber sicher.

Den Haupttext meines Paketes zum Straatjournaal gibt es hier.

Ein paar Zeilen zu Mohamed´s Strategien findet Ihr hier.

Zu einem Kurzinterview mit Chefredakteurin Jessica folge dem Link nach hier.

Das Interview entstand im Auftrag der Wiener Straßenzeitung Augustin und wurde dort in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht. Was sonst noch im neuen Augustin steht, findet Ihr hier.

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3 Kommentare zu “Straatjournaal – Mihai, der Dichter in „falscher Situation“

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