Prekariat im Speckgürtel – Das Haarlemmer Straatjournaal

Das Straatjournal-Büro befindet sich im Haus der Hilfsorganisation Stem in de Stad.  (c) buendia bee

Das Straatjournal-Büro befindet sich im Haus der Hilfsorganisation Stem in de Stad.
(c) buendia bee

Der Artikel entstand im Auftrag der Wiener Straßenzeitung Augustin und wurde dort in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht. Was sonst noch im neuen Augustin steht, findet Ihr hier.

Haarlem ist ein eher ruhiges und richtig schönes Städtchen mit so 150.000 Einwohnern, nur wenige Kilometer westlich von Amsterdam gelegen. Die Straßen sind ausgesprochen sauber, die roten Häuser stehen in sehr geraden Reihen, das Meer liegt in Fahrraddistanz. Alles sieht ein bisschen nach Speckgürtel einer Großstadt aus. Um Armut oder Prekariat zu finden, ist ein genauer Blick notwendig. Das Haarlemmer Straatjournaal bietet hier Orientierungshilfe und thematisiert das. Außerdem bereichern 80 Verkopers das Straßenbild in der barocken Stadt und ihrer Umgebung.

Weltberühmt in Haarlem

Große Bekanntheit in der Stadt genießt Mohamed, der vor einem großen Kaufhaus im Zentrum das Straatjournaal, die lokale daklozenkrant (Obdachlosenzeitung) verkauft. Das weiß er auch selbst. „Als ich hier ankam, machten die Leute noch einen Bogen, wenn sie mich hier stehen sahen. Heute kennen mich alle. Sie kaufen Zeitungen und bringen mir Kaffee. Ich bin berühmt hier.“ Die VerkäuferInnen sind, wie in allen Städten, nicht arme und Hilfe suchende Indivuduen, sie sind für viele Menschen beliebte AnsprechpartnerInnen geworden, bei denen man sich einen morgendlichen Gruß abholt oder über das Wetter plaudert. Mohammed und seine KollegInnen gehören in Haarlem spürbar zum ganz normalen Straßenbild. Ihre roten Jacken machen sie auch weithin sichtbar.

Mohamed bei der Arbeit. Der freundliche Mann kam einst aus Burundi und bleibt nun da. Bald wird er heiraten. Alles Gute, Mohamed. (c) buendia bee

Mohamed bei der Arbeit. Der freundliche Mann kam einst aus Burundi und bleibt nun da. Bald wird er heiraten. Alles Gute, Mohamed. (c) buendia bee

Das Sprungbrett

Jessica Hoogenboom ist seit sieben Jahren Chefredakteurin beim Straatjournaal und hat ihren Job „richtig gern“, wie sie im Augustin-Interview betont. „Als ich hier anfing, wusste ich nicht viel über die Situation der Obdachlosen. Das hat sich geändert und es ist schlimmer, als ich dachte.“ Jessica beschreibt das Straatjournaal als ein Monatsmagazin, „das alle lesen können sollen, ein Magazin für die breite Öffentlichkeit“. „Es muss verkauft werden“, damit es den VerkäuferInnen „aus ihrer Situation helfen kann“. Es soll ein Sprungbrett sein.

Die Menschen, die das Magazin verkaufen, sind meist erst in den letzten Jahren in die Niederlande gezogen oder geflohen. Wie bei vielen Straßenzeitungen in Europa, dominieren AsylwerberInnen und rumänische und bulgarische MigrantInnen den Markt. Diese beiden Gruppen sind vom regulären Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Mihai ist einer von ihnen und so richtig hier hängen geblieben. Er kam 2007, kurz bevor der niederländische Arbeitsmarkt für BulgarInnen und RumänInnen geöffnet werden sollten. Doch daraus wurde nichts und so wartet Mihai noch immer. „Zunächst hieß es dann, 2009 darf ich arbeiten. 2009 sagten sie dann 2012, und jetzt soll es im Jänner 2014 soweit sein. Ich will arbeiten. Ich will eine Chance mein eigenes Geld zu verdienen.“ Warum er nicht woanders hingeht, will ich wissen. „Was soll ich woanders? Ich habe Kontakte hier, ich spreche Niederländisch. Ich bin aktiv. Ich bin intellektuell. Ich brauche nur eine Arbeitsgenehmigung.“

Chefredakteurin Jessica, Redakteurin Irene Scheltes im Büro. Die beiden mögen ihren Job. Das merkt man.  (c) buendia bee

Chefredakteurin Jessica, Redakteurin Irene Scheltes im Büro. Die beiden mögen ihren Job. Das merkt man.
(c) buendia bee

Stichting – Die Stiftung dahinter

Die „Stichting Straatjournaal“ ist eine sehr kleine Organisation, die ausschließlich das Magazin herausgibt. Gegründet wurde die Zeitung 1997 als anarchistisches grass-root Projekt von HausbesetzerInnen. Schon in den Folgejahren professionalisierte es sich, blieb dabei aber tendenziell ein Servicemagazin für Prekarisierte, das Informationen zu leistbarem Essen und neuste Nachrichten aus den Notunterkünften publizierte. Im Jahr 2000 wurde die Stiftung vom Journalisten Anthonie Vermeer gegründet. Vier Menschen arbeiten hier in Teilzeit.

Einzige Nebenaktivität des Vereins ist der Schreibklub, der von den Journalisten Martijn de Rijk und Bert Voskuil geleitet wird. Dort sind VerkäuferInnen aktiv, aber auch Menschen, den Verkoper-Job und ein Leben ohne Dach bereits hinter sich haben. Ein schreibernder Verkäufer ist der „Intellektuelle“ Mihai: „Ich bin Dichter, ich will Bücher schreiben und herausbringen.“ Mehrere seiner Werke sind bereits in der Zeitung erschienen. Aus dem Schreibklub entstanden auch bereits mehrere Kompilationen einzelner AutorInnen.

Über KäuferInnen und VerkäuferInnen

Mihai, der Intellektuelle, der seit Jahren auf eine Arbeitsgenehmigung wartet.(c) buendia bee

Mihai, der Intellektuelle, der seit Jahren auf eine Arbeitsgenehmigung wartet.(c) buendia bee

Die Blattlinie hat sich in den letzten Jahren merklich verändert. Auch der schwarz-rote Zeitungsschmeißer, der zu Beginn noch das Logo zierte, war schließlich verschwunden. Jessica dazu: „Es war [damals] mehr links, ein bisschen underground, ein bisschen aufregender, vielleicht.“

Ingesamt ist das Straatjournaal im kleinstätdischen Haarlem inhaltlich etwas weicher gezechnet als beispielsweise der Augustin. Der kann sich mit einer Millionenstadt im Rücken, einigen Tausend dezidiert politischen KäuferInnen und Fans und mit monatlich 50.000 verkauften Exemplare sicher mehr Frechheit und Direktheit auch den KäuferInnen gegenüber leisten. Heute richtet sich das Straatjournal ganz bewusst an eine Zielgruppe. Die durchschnittliche Straatjournaal-KäuferIn ist weiblich, über 45 Jahre alt. Das genügt aber nicht. „Die Jungen sollen das Magazin kaufen“, wünscht sich Jessica, aber „da muss viel Arbeit und Zeit in die Änderung der Linie investiert werden. Es funktioniert nicht, einfach ein paar Artikel für Jüngere in ein bestehendes Blatt zu schreiben.“

Das Anlaufzentrum von Stem in de Stadt, wo auch die Straatjournaal-Verkäufer ihre Zeitungen holen. (c) buendia bee

Das Anlaufzentrum von Stem in de Stadt, wo auch die Straatjournaal-Verkäufer ihre Zeitungen holen. (c) buendia bee

Auch die VerkäuferInnen sind keine anarchistischen AktivistInnen und HausbesetzerInnen mehr, sondern zumeist männlich und zwischen 40 und 50 Jahre alt. Es wäre weniger glaubwürdig, würde oben genannter Mihai das Magazin der Anfangszeit verkaufen. Es würde so gar nicht zu ihm passen. Ob nun die VerkäuferInnen so, also über die Hintertüre, auch Einfluss auf den Inhalt des Magazins nehmen, wurde beim Interview diskutiert, aber nicht abschließend geklärt.

Kleine Einrichtung, viele Einkommen

Die Verkaufszahlen des Straatjournal unterscheiden sich nicht wesentlich von jenen anderer niederländischer Straßenzeitungen. Im Durchschnitt werden 12.000 Exemplare verkauft, um Weihnachten 25.000, im Sommer 8.000 pro Monat. Über die Jahre sind die Zahlen leicht rückläufig, vergleichbar mit vielen anderen Regionalblättern in Europa, wie etwa dem 20er in Innsbruck oder das Megaphon in Graz.

Das Haarlemmer Straatjournaal ist eine kleine Einrichtung in einer mittelkleinen Stadt, von der – inklusive AutorInnen und andere freie MitarbeiterInnen – mehr als 100 Leute ein Einkommen beziehen, das alle auch bitter notwendig haben. Die Gründe der Prekarisierung der VerkäuferInnen sind weitgehend dieselben wie in Österreich. Die Verweigerung einer Arbeitserlaubnis an ausgewählte Personenkreise bringt in Europa Tausende in eine Situation der Armut, in der nicht mehr gewählt werden kann, welche Arbeit nun angenommen wird. Projekte wie Augustin und Straatjournaal schaffen Alternativen, wenn auch im Idealfall nur für kurze Zeit und sie können niemals vollständig ein Einkommen ersetzen. Und dennoch sind diese Zeitungen für überraschend viele Menschen, die mit überraschend wenig Geld auskommen können, die einzige Einkommensquelle.

Die erste und die jüngste Ausgabe des Straatjournaal. (c) buendia bee

Die erste und die jüngste Ausgabe des Straatjournaal. (c) buendia bee

Tot Ziens Mihai, Bye Mohamed

Und während die Verkäufer Mihai und Mohamed das Straatjournaal gerne in Richtung „neues Leben“ verlassen würden, alles Gute dabei, will Jessica bleiben. „Es ist ein wunderbarer Job. Ich bin hierher gekommen, um eine Zeitung zu machen. Aber die Hälfte meiner Zeit verbringe ich im Verkaufsraum und löse Probleme mit oder für die VerkäuferInnen. Das ist das Gute am Job. Ich schreibe nicht nur und ich weiß, der Job macht einen Unterschied. Es wäre für mich mittlerweile sehr eigenartig, eine Zeitung zu machen, von der niemand profitert. Das ist das Schöne daran.“

www.augustin.or.at

Ein Interview mit Mihai findet Ihr hier.

Ein paar Zeilen zu Mohamed´s Strategien findet Ihr hier.

Zu einem Kurzinterview mit Chefredakteurin Jessica folge dem Link nach hier.

Advertisements

3 Kommentare zu “Prekariat im Speckgürtel – Das Haarlemmer Straatjournaal

  1. Pingback: Straatjournaal – Mihai, der Dichter in “falscher Situation” | buendia bee

  2. Pingback: Straatjournaal – Mohameds Strategie der Sichtbartkeit | buendia bee

  3. Pingback: Straatjournaal – 104 Einkommen groß und doch “zu klein” | buendia bee

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s