Bienen-Notizen aus den Niederlanden 2

Das Straatjournaal in Haarlem beauftragte mich, meine Eindrücke, die ich während meines dreimonatigen Aufenthalts in den Niederlanden gewann, zusammenzutragen. Hier nun der zweite Teil meiner Kollektion.

Reich und Schön feiert Befreiung

Schaut total frei und offen aus, dieses Festival. (c) buendia bee

Schaut total frei und offen aus, dieses Festival. (c) buendia bee

Da kam ich am großen Tag der Freiheit, am Tag der Befreiung der Niederlande vom Nationalsozialismus, zum „offenen Festival“ „Befreidingspop“ und traute meinen Augen nicht. Ich sah einen riesigen Zaun mit Eingangsschleusen für Taschenkontrollen und riesige Transparente mit den hierzulande so beliebten Regeln. Verboten war alles, was die ungestörte Entleerung der Gäste-Portemonnais` stören könnte, vor allem aber mitgebrachtes Essen und Getränke. Ich sah Securities, die Müttern mit Babies die Wasserflaschen abnahmen. Ich sah einen Vater mit drei Kindern, die sich alle schon sehr auf das „offene Festival“ gefreut hatten, aber aufgrund des mitgebrachten Balles abgewiesen wurden. Ein schlicht surreales Szenario.

Ich fragte die BesucherInnen, ob arme Menschen hier teilnehmen können. Das Ergebnis war meist ein fassungslosese Gesicht über diese dumme Frage, das mir zeigte: Darüber wurde noch nicht nachgedacht. Die Antwort war dann meist: „Ja, die können eh rein.“ Also fragte ich weiter. Wenn jemand nur drei, vier Euro pro Tag zur Verfügung hat, wie lange kann er da drinnen bleiben. Da begannen sie zu rechnen. „Hm, ein Euro für`s Klo, vier Euro für ein Bier. Ja, eigentlich können sie nicht hinein. Stimmt.“ „So gesehen ist das kein offenes Festival“, meinte einer. Das finde ich aber auch.

Die Regeln: Lebensinhalt und Licht in der Finsternis des gewoehnlichen Niederlaenders. Ohne die geht hier gar nix. (c) buendia bee

Die Regeln: Lebensinhalt und Licht in der Finsternis des gewöhnlichen Niederländers. Ohne die geht hier gar nix. (c) buendia bee

Was ich an diesem Tag gar nicht sah, waren Roma, die überhaupt nur versuchten, dort hinein zu gelangen. Die nach den JüdInnen größte Opfergruppe der Shoah wird über Konsumzwang und Markfetischismus an der Teilnahme gehindert. An Dinge wie diese hatte kein einziger von den BesucherInnen, die ich befragte, gedacht und das macht mich traurig.

Stattdessen wurde sehr niederländisch geantwortet, wenn ich fragte, was die Menschen von den Regeln hier grundsätzlich hielten. Standardauskunft: „It seems to be necessary.“ Das kritische Hinterfragen einer Regel hat hier keine Konjunktur. Allein das Vorhandensein der Regeln macht sie „scheinbar notwendig“ und das genügt auch schon vollkommen.

Der Anti-Recycling Container

Wer fleißig Altpapier sammelt hat gut und gerne mal eine richtig große Kiste oder einen richtig großen Sack zusammen. Das ist hinreichend bekannt, schließlich handelt es sich bei großflächigem Altstoff-Recygling um Umwelttechnologie aus den 1980er-Jahren. Viele Erkenntnisse wurden seither gewonnen. In Haarlem ist diese Realität aber nicht vorgesehen oder nicht erwünscht. Wer diese grosse Kiste oder diesen grossen Sack nämlich leeren will, sollte zwei Dinge mitnehmen: eine kleine Jause für den Weg zur Sammelstelle und viel Zeit, um schließlich jedes gesammelte Stück Papier einzeln einzuwerfen. Der Einwurfschlitz erlaubt es nämlich keinesfalls, Behältnisse, die größer sind als eine Damenhandtasche, auf einmal zu entleeren.

Na sicher geht mich deine Handtasche etwas an. (c) buendia bee

Na sicher geht mich deine Handtasche etwas an. (c) buendia bee

Die Haare des Königs

Am Koninginnendag fragte ich Emiel, 12, warum er den neuen König mag. Er meinte: „Wegen seinen Haaren und seiner Krone“. Das fand ich originell und befragte schließlich auch Erwachsene dazu. Dabei stellte ich fest: Geht es um die gekrönte Familie, bewegt sich auch deren Diskurs oft in ähnlichen Bahnen wie jener von Kindern wie Emiel. Der politische Dialog über die Monarchie scheint auch nach Jahrhunderten seinen Kinderschuhen nicht entschlüpft. Da hatte ich nicht zwingend das Gefühl, es würden hier BürgerInnen über ihr Staatsoberhaupt sprechen, sondern es sprechen dann eben auch die Großen über Haare und die Königin-Mutter findet man leuk (ganz ok).

Um Begriffe wie Verfassung und Politik geht es im alltäglichen Diskurs über das Königshaus ganz selten. Solche Dinge diskutieren vielleicht Zeitungen und ein paar kritische Berichterstatter, aber ansonsten bringen nur wenige die Monarchie mit der Verfassung oder mit dem Staat an und für sich in Verbindung. Ähnlich geht es ja auch vielen PräsidentInnen in Europa, deren BürgerInnen die Sinnhaftigkeit ihres Amtes bezweifeln. Interassant ist dabei aber doch, dass wenige eine verfassungsmäßige Funktion in der Monarchie sehen, aber gleichzeitig nur wenige sie infrage stellen. Das lässt mich staunen. Sissi for President! Und das Kleid der neuen Königin war rot, glaub ich.

Zwar abgewiesen wegen Ballmitnahme, dennoch meinte der Herr, die Regeln "scheinen notwendig". (c) buendia bee

Zwar abgewiesen wegen Ballmitnahme, dennoch meinte der Herr, die Regeln „scheinen notwendig“. (c) buendia bee

„Teutsch bellen“

Als “Österreicher”, der die Welt bereist, habe ich mich bereits daran gewöhnt, auf die dunkle Vergangenheit des Landes und auf Adolf Hitler angesprochen zu werden. Hier in den Niederlanden hat das aber eine Intensität, die neu für mich ist und auch meine Erfahrungen in Israel bei weitem übertrifft. Kaum „gestehe“ ich meine Herkunft, verändern viele Menschen reflexartig ihre Sprache und bellen mir Worte entgegen, die mich an die Zeit der Nazis erinnern sollen. „Übermensch!“ „Stramm steeeeeeeehn!“ „Teutscher Staaaaahl!“

Wenn ich mir die politische Landschaft Österreichs ansehe, die wahrlich reich ist an Halb- und Ganznazis, überraschen mich ich solche Reaktionen im Grunde nicht. Die österreichische Gegenwart bietet Anlass für Assoziationen. Es erstaunt mich aber doch, mit welcher Hingabe, Inbrunst und Häufigkeit „Teutsch Bellen“ in den Niderlanden zum Einsatz kommt. Man könnte meinen, es mache vielen Menschen hier richtig Spaß.

Und doch, so finde ich, sind wir ideologisch gar nicht so weit voneinander entfernt, meine regeltreuen, puritanischen niederländischen Freunde. Wir alle haben unsere Parteien, die die Freiheit im Namen tragen und sie doch gleichzeitig verachten und anderen vorenthalten. Vielleicht bin ich wehleidig, aber ich fühle mich manchmal dazu benutzt, den gegenwärtigen, hiesigen Umgang mit Menschenrechten, Flüchtlingen, den Armen und der Demokratie im Allgemeinen in den übermenschengroßen Schatten der Vergangenheit zu stellen.

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