Rezension einer Liebeserklärung an die Oberwarter Roma

Stefan Horvath: „Atsiganos – Die Oberwarter Roma und ihre Siedlungen“, edition lex liszt 12, 2013

Buchpräsentation: 5.6.2013, 19 Uhr; Romano Centro, Hofmannsthalgasse 2, 1030 Wien 

1939 lebten im Burgenland 900 Roma. Sie wurden beinahe ausnahmslos in Konzentrationslager deportiert, nur etwa 80 kehrten zurück. Aus Oberwart wurden 360 deportiert, „nur eine Handvoll“ kam wieder. Auf diese Überlebenden und ihre Kinder legt Stefan Horwath sein besoderes Augenmerk, wenn er die Oberwarter Roma-Siedlungen in einem berührenden Buch porträtiert.

Stefan Horvath: Autor, Vater Visionär (c) edition lex liszt 12

Stefan Horvath: Autor, Vater, Visionär (c) edition lex liszt 12

 Hauptschule

Stefan Horvath stammt selbst aus der „Siedlung“, wurde 1949 dort geboren und war das erste Roma-Kind, das in Oberwart zur Hauptschule ging, während die meisten anderen bis in die 1980er-Jahre in die Sonderschule abgeschoben wurden. Nach dem Tod seines Sohnes Peter, der 1995 Opfer der Rohrbombe geworden war, die in der Sieldung explodierte und noch drei weitere Bewohner tötete, änderte sich sein Leben drastisch: Horvath beschreibt tief mystische Erlebnisse, es erfassten ihn Bilder aus den Konzentrationslagern und Visionen über die Bombe. Bilder, die ihm auferlegten, die Erinnerung daran aufrecht zu erhalten.

Mit „Atsiganos – Die Oberwarter Roma und ihre Siedlungen“ legt Horvat seine dritte Veröffentlichung vor und beschreibt darin, wie die Roma nach und nach vom Stadtkern weggerückt wurden, die städtische Mülldeponie aber jeweils mit ihnen verlegt wurde und brennende Nachbarin blieb. Die erste Siedlung bestand bis zur Machtübernahme der NationalsozialistInnen. Von den damaligen BewohnerInnen „hatten nur ein knappes Dutzend überlebt“. Darunter „Kalitsch“, der von sich sagen konnte: „Aber ich, Kalitsch, der Zigeuner aus Oberwart, habe als Einziger fünfundsiebzig Schläge mit dem Ochsenziemer überlebt.“

Die Überlebenden

Die Heimkehr einer Handvoll Überlebender löste 1945 in Oberwart merkwürdige Reaktionen aus. […] Anscheinend war es für die Lokalpolitiker ein Problem, dass ein paar verunsicherte, traumatisierte, gequälte Menschen, deren Familien ausgelöscht worden waren, die Konzentrationslager überlebt hatten. […] Überdies wurde gefragt, warum gerade die überlebt hätten, und die anderen nicht. Man warf ihnen sogar Beihilfe an der Ermordung anderer Roma vor. […] Viele Beamte von damals [unter nationalsozialistischer Herrschaft; Anm.] waren nun in anderen Funktionen für die Roma zuständig, zum Beispiel für deren `Neueinbürgerung`.“

Diese HeimkehrerInnen lebten in der „zweiten Siedlung“, die bis 1972 bestand. Haus für Haus stellt Horvath die BewohnerInnen vor. Zu ihnen baut er kaum Distanz auf, beschreibt sie so, wie er sie als kleiner Junge erlebte, nennt sie bei ihren Rufnamen und geht auf ihre Eigenheiten ein. Horvath ist  schonungslos, er benennt bspw. jene, die ihre Frauen maßlos prügelten, verschweigt aber  gleichzeitig auch nicht die Vorzüge dieser Menschen. Der Autor urteilt ungern, das ist seinen Texten anzumerken. Er porträtiert die Menschen, die er selbst spürbar liebt, mit ihren Widersprüchen und Ängsten, mit ihren Hoffnungen und Bemühungen.

Zum Lachen verführt die Geschichte von „phure Rosl“ (roman; alte Rosl) und ihrem Mann Hopei. Sie war eine sparsame Frau, die ihrem Gatten nur selten ein Fleischgericht zugestand. Um seine Situation zu verbessern, mischte Hopei Alkohol ins Hühnerfutter und präsentierte seiner Frau die „kranken“ Hühner, die nun notgeschlachtet werden mussten. „Nachdem die seltsame Krankheit aber immer nur Rosls Hühner befiel und die der Nachbaren verschont blieben, wurde sie misstrauisch und eines Tages ertappte sie ihren Mann beim Futtermischen. Fortan musste Hopei wieder darben.“

Atsiganos - Cover - (c) edition lex liszt 12

Atsiganos – Cover – (c) edition lex liszt 12

Gebrochen

Eine sehr rührende Geschicht dreht sich um einen der „Gadsche“, also einen Nicht-Rom, der mit einer Romni verheiratet war. „Heinrich hatte ein außergewöhnliches Schicksal. In Niederösterreich geboren war er mit seiner Mutter noch vor dem Krieg nach Polen ausgewandert, wo er beim Einmarsch der Deutschen Wehrmacht für die Waffen-SS rekrutiert wurde. In dieser Einheit wurde er auch in Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung verstrickt. Dabei dürfte er ein Trauma erlitten haben, von dem er sich nie erholen sollte.“ Nach der Flucht aus einem russischen Gefangenenlager kam er nach Österreich zurück und lernte seine Frau Borso kennen. „Wenn er betrunken war, brach aus ihm heraus, was er im Krieg erlebt hatte. Dann begann er zu exerzieren und kommandieren, wie er es gelernt hatte, bis er sich niedersetzte und Polnisch zu reden begann, wobei er wie ein kleines Kind weinte. Der Krieg hatte ihn gebrochen.“ Die Art und Weise, wie Horvath den Mann der Waffen-SS als gebrochen beschreibt und nicht als böse, erstaunt.

Gadsche gab es im Laufe der Jahre in der Siedlung viele, aber nur wenige zogen freiwillig dorthin, wie Heinrich. Die meisten von ihnen wurden von der Gemeinde Oberwart als „asozial“ abgestempelt und dort angesiedelt. Nur wenige dieser Familien blieben über längere Zeit.

5. Februar 1995

1972 zogen die Oberwarter Roma in die dritte Siedlung, weil dort, wo ihre alten Häuser standen, ein neues Krankenhaus gebaut werden sollte. Die neuen Gebäude waren von so schlechter Qualität, dass sie kaum bewohnbar und fast gar nicht beheizbar waren. Und auch die Mülldeponie, die bereits die alte Siedlung verpestet hatte, wanderte mit den Roma an ihren neuen Platz. Gleichzeitig hatte man im Rathaus nicht vergessen, jedem Rom und jeder Romni anzubieten, doch in eine andere Gemeinde zu ziehen. In diesem Fall wäre Oberwart bereit gewesen, den EmigrantInnen ein neues Haus und den Grund mitsamt dem Umzug samt und sonders zu bezahlen. Das war eine Vorgehensweise, die seit dem Ende der Nazi-Herrschaft wiederholt angewandt wurde, um die Sieldung los zu werden. Doch nur wenige nahmen das Angebot an, fast alle blieben.

Der traurigste und einschneidendste Moment in der dritten Siedlung war das Bombenattentat vom 5. Februar 1995, bei dem vier junge Männer getötet wurden, darunter auch der Sohn des Autors, Peter. Wie Horvath die Tage vor und nach dem Attentat beschreibt, lässt erschaudern. Da stürmen PolizeibeamtInnen sämtliche Häuser der Siedlung, die gerade vier Menschen verloren hat – wohl in der Hoffnung, Indizien für eine „Roma-Fehde“ zu finden –  obwohl es zu diesem Zeitpunkt bereits klare Hinweise auf einen rassistisch motivierten Anschlag gab. Das gestanden die Behörden eher zähneknirschend ein. „Am nächsten Tag explodierte eine weitere Bombe in Stinatz, zirka 20 Kilometer von Oberwart entfernt und verletzte einen Mitarbeiter der Müllabfuhr. In Stinatz wurde kein einziges Haus durchsucht.“

Liebeserklärung

Die persönlichen Erlebnisse und die Verluste, die der Autor ausfühlich darlegt, zeigen einen Mann, der bricht und sich wieder zusammenfügt. Seine Träume weisen Horvath den Weg zum Schriftsteller. Es sind die Bilder aus den Geschichten der Alten und die Gewalt der Gegenwart, die die Roma mit Härte und Schonungslosigkeit trifft. Ein Blick über die wenige Kilometer von Oberwart gelegene Grenze zu Ungarn genügt, um sich der Gefahren von heute bewusst zu werden. Dort stehen die Roma (wieder) exemplarisch am Pranger und Nazi-Horden belagern ihre Siedlungen.

Horvath verfasst eine Liebeserklärung an diese Alten, an ihre Geschichten und ihre Lebensräume, die drei Siedlungen von Oberwart. Auch er erzählt Geschichten, berichtet von einem Alltag, der so normal ist, wie man ihn sich von außerhalb der Sieldung gar nicht vorstellen möchte. Er schreibt von Menschen, mit denen er verbunden bleibt.

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