Schreiben über die Mehrerau – Ein Bienen-Outing

von Markus Wachter

Ich war bis 1995 Schüler des Klosterinternates Mehrerau. Sechs Jahre verbrachte ich dort. Damit bin ich in meiner Recherche über die sexuellen Übergriffe im Kloster und die gegenwärtigen Klagen in einer Zwischenposition. Seit Monaten frage ich mich selbst, ob ich genügend Distanz zu dem allem aufbauen kann, damit eine journalistische Aufarbeitung möglich ist. Ich denke mittlerweile: Ja, wahrscheinlich. Bloß, Ihr, meine lieben Leserinnen und Leser, sollt meine Verwicklungen kennen, damit ihr wisst, von welcher Position ich losschreibe und was mir dabei schwer fällt. Dass Journalismus „objektiv“ sein kann, glaube ich ohnehin kein bisschen.

Der Brunnen am Klosterhof

Der Brunnen am Klosterhof sieht nach Liebe zum Kinde aus

Vor vielen Jahren holte mich meine Vergangenheit ein. Ein Mann, den ich aus meiner Schulzeit kannte, wandte sich an mich. Eher zufällig hatten wir uns einige Monate vorher wieder getroffen. Damals, in den 1990ern, war er ein Kind, das sexuell missbraucht wurde, doch das wusste ich nicht. Als er sich an mich wandte, tat er es, um mir seine Geschichte zu erzählen. Ich war nicht überrascht, vielleicht hatte er mich deshalb ausgewählt. Wir beide waren Schüler im Internat des Klosters Mehrerau gewesen, er nur wenig älter als ich. Er schickte mich auf die Reise, gegen die ich mich sträube, die ich aber nicht beenden kann.

Wahrnehmungen

Damals also, Jahre bevor Fälle in den Medien breit diskutiert wurden, wurde mein Misstrauen bestätigt, das ich schon als Schüler spürte. Die Gewaltexzesse, die wenige Jahre zuvor noch gängig waren – wie ich heute aus den Prozessen lerne –, erlebte ich in dieser Intensität nicht mehr. Doch war da auch ein Gefühl, diese Menschen, die meisten Mönche und so mancher Lehrer, müssen sich zur Mäßigung zwingen. Schläge gab es noch gelegentlich. Als strukturelle Gewalt stellte sich aber die teils unglaubliche pädagogische Unfähigkeit und Überforderung des mönchischen Lehr- und Internatspersonals dar. Sexuelle Übergriffe gehörten auch zu meiner Zeit noch regelmäßig zu den Herangehensweisen mancher Mönche und – wie sich später herausstellen sollte – auch weltlicher Erzieher an die Schüler. Den Nazi-Pfadfinderführer, der in einer Zeugenaussage eine Rolle spielt, kenne ich noch aus meiner Zeit. Menschen, die mich früher unterrichteten und meine „Erzieher“ waren, lerne ich heute als Sexualstraftäter kennen. Doch wenn ich genau darüber nachdenke: Jene, bei denen wir schon damals ein „komisches Gefühl“ hatten, finde ich heute in den Akten wieder. Niemand ist hellhöriger als ein Kind. Wir hatten bloß keine Worte dafür und keinen Adressaten. Wirklich erschreckend ist, dass sich auch Menschen in die Reihe der Täter reihen, von denen ich und viele meiner Klassenkameraden sicher waren: Die sind ok.

Dazu kam, was ich selbst als Schüler erlebt hatte. Mitschüler, die zumindest von Belästigungen gesprochen hatten. Mönche die Schüler in ihre Privatferien mitnahmen. Erzählungen über Pornofilme in der Klosterzelle. Sextourismus ins Kloster, als ein Freund eines selbst kriminellen Mönchs dort auftauchte und sich mit seinem dicken Mercedes-Cabrio Burschen „aufzureißen“ versuchte. Was für ein jämmerliches Spiel für einen erwachsenen Mann. Ein Erzieher, der Schüler nächtelang abfüllte. Alkohol stand uns in fast unbegrenztem Ausmaß zur Verfügung. Jahre später verstand ich, warum. Und auch ich war damals ein knock-outer, zu viel Alkohol und ich falle einfach um und weiß gar nichts mehr. Ich habe aufgehört, in mir nach einer Erinnerung zu suchen. Es drängt sich nichts auf. Aber am Beginn, als ich erfuhr, wie nah ich selbst den Tätern war, kam dieser Gedanke über mich, der Gedanke , selbst ganz unmittelbar Opfer geworden zu sein und dem Moment entgegen zu gehen, an dem das aus mir herausbricht und mich aus dem Universum kickt. Es dauerte eine Weile ihn loszuwerden, ohne ihn zu bekämpfen. Mir war jedenfalls bewusst geworden, dass diese Sache Dimensionen hat, die für ein Gewaltverbrechen ziemlich immens sind. Und ich bekenne: Das macht mich wütend! Wie oft haben wir im Internat damals Sätze gehört, wie: Das tut man nicht! Heute sage ich: Kinder ficken und zerstören, das tut man nicht!

Lauterer: Phantom und Lichtgestalt

Der damalige Abt, Kassian Lauterer, war im Internat ein Phantom, doch er unterrichtete noch bis wenige Jahre vor meinem Eintritt Philosophie. Er war hoch geschätzt, weit über das Kloster hinaus bekannt und ich wusste nie, warum eigentlich. Ich lernte ihn nie wirklich kennen. Lauterer war ein Guter, ein im ganzen Land gern gesehener Gast. Ein ehemaliger Schüler, einige Jahre älter als ich selbst, sagte mir unlängst über ihn: „Er war eine Lichgestalt. Er selbst war überhaupt nicht aggressiv und bereit, auch über Kontroversielles zu sprechen. Selbst provokative philosophische Fragen nahm er gelassen und diskutierte sie.“

Ich selbst besuchte die vielen Messen für uns Schüler nur widerwillig. Doch ich erinnere mich, Lauterer gerne predigen gehört zu haben. Er war ein ruhiger, gelassener Mensch. Doch gleichzeitig hat er das ganze Desaster zu einem Gutteil mit zu verantworten. Er hat sich schuldig gemacht, den Verrückten, die im Internat wüteten – es war mehr als nur einer –, alles zur Verfügung zu stellen, wovon ein Vergewaltiger nur träumen kann. Im Wissen, dass zumindest B auch tatsächlich ein Sexualstraftäter war. Ihn im Zeugenstand zu sehen, zeigte mir die Seite abseits der „Lichtgestalt“.

Schaumgebremst

Collegium Bernardi

Der Haupteingang zum Internatstrakt
(c) Markus Wachter

Meine Recherche läuft schaumgebremst, doch sie läuft und läuft und läuft. Ich merke es oft selbst nicht. Da denke ich mir, ich hab eine Pause gemacht, und komme drauf, das Thema läuft ständig mit. Internetrecherche füllt ohnehin einen guten Teil meines Tages. Immer wieder stolpere ich über einen Bericht hier und eine Studie dort und eines Tages stelle ich fest, wie viel tiefer ich nun drin bin. Ich umkreise das Thema weitläufig aber zielgerichtet. Ich lese von und über Bernhard von Clairvuax, den Gründer des Zisterzienserordens, möchte der Ideengeschichte dieses Ordens folgen. Der Zivilprozess und damit das Zivilrecht sind in meinem Blickfeld aufgetaucht. Die Struktur des Prozesses, welche die Parteien in eine normierte und damit vergleichbare Art der Kommunikation zwingt, macht Denkmodelle sichtbar und wirft Fragen auf. Aus dem konkreten Prozess heraus wird selbst ein trockener juristischer Begriff wie Verjährung mit Leben gefüllt, erklärbar und – beispielsweise – durch den Einwand der Verjährung, einen Akt im Dialog der Parteien, werden Absichten sichtbar.

Die Struktur des Zivilprozesses und die Ideengeschichte des Ordens sind aber nicht nur Erkenntnisquellen. Sie sind auch Folien, die ich zwischen mich und die Menschen, die so genannten „Schicksale“, schiebe. Lange Jahre betreute ich Flüchtlinge juristisch und hörte damit auf, weil ich eines Tages bemerkte, wie sehr mich all die Flucht- und Kriegsgeschichten in einen Folter- und Vergewaltigungsexperten verwandelt hatten. Und das wollte ich nicht sein. Nun bin ich – wieder ohne es recht bemerkt zu haben – beim alten Thema angelangt. Die Auswirkungen, die Massivität des Eingriffs ist bei Folter und Vergewaltigung dieser Art sehr ähnlich. Es dreht sich um absolutes ausgeliefert Sein – und zwar nicht an eine Naturgewalt sondern an einen anderen Menschen. Die Reaktionen der Opfer sind ebenso einander ähnlich und wiederkehrend: Sie suchen bei sich selbst die Schuld, fragen, was sie falsch gemacht haben, wie sie dem hätten entgehen können. Alles andere würde bedeuten, den Moment des ausgeliefert Seins erneut zu durchleben, indem sie ihn denken. Um ihn nicht denken zu müssen, geht die Schuld auf sie selbst über. Das ist ein grausamer Teufelskreis. Und genau damit arbeiten die Vergewaltiger und Folterknechte. Die Flüchtlinge waren damals oft nicht in der Lage ihre Geschichte zu erzählen, was ihr Verfahren erschwerte. Sie wurden vom Bundesasylamt „unglaubwürdig“ genannt.

Schuldumkehr

Gleich geht es den Männern, die nicht mehr einfach nur Opfer, sondern jetzt Kläger sind. Meine Rechercheaufenthalte in Vorarlberg sind gespickt mit Reaktionen auf die Vorgänge im Kloster und die Prozesse, weil ich diese Reaktionen auch anstoße. Ich erzähle gerne, dass ich mich für dieses Thema interessiere. In meiner Familie, in meinem Freundeskreis, auf der Straße. „Die wollen doch nur absahnen.“ „Geh komm, die waren doch selbst auch schwul, odr?“ So ging das in Vorarlberg monatelang. Und auch Lauterer selbst: „Du warst ein neugieriger, junger Mann. Du hast das wohl auch gewollt.“ An dieser Strategie des Klosters hat sich bis heute nichts geändert, wie der Prozess deutlich macht. Mit einem Wort: unglaubwürdig sollen sie sein, die Kläger.

Erst als die Geschichten und Zeugenaussagen in den Prozessen wirklich Ekel erregend wurden, begann sich die Stimmung langsam zu ändern. Auch die Medien im Land hatten zuvor kein sonderliches bis gar kein spezifisches Interesse an dem Fall gezeigt. Auch wenn einzelne JournalistInnen durchaus zur Recherche bereit gewesen wären, es entstand bei mir der Eindruck, man halte im Ländle dann doch eher mal zusammen – unter den Chefetagen, so unterschiedlich die auch sein mögen. Nachdem die Intensität der begangenen Verbrechen aber sichtbar wurde, wurden die Zeitungsmeldungen dem zumindest gerecht.

Und es gibt Gegenwehr. Ehemalige Klassenkameraden fanden nach Jahren wieder zusammen, um einen alten Freund im Prozess zu unterstützen – finanziell, freundschaftlich, psychologisch, organisatorisch. Diese Unterstützung wirkt, ist aber noch punktuell. Sie hat mit dafür gesorgt, dass vieles heute an die Öffentlichkeit kommen kann. Und sie umgibt den Freund, den es am meisten betrifft, mit einem Wall. Das ist Beispiel gebend, nachahmenswert – ein grass-root-Projekt.

Für beide Kläger muss es – vor allem zu Beginn des Prozesses – furchtbar gewesen sein, sich dieser Geschichte zu erinnern und sie öffentlich zu erzählen. Doch im Laufe der Zeit ist es offenbar beiden gelungen, sich von einem Opfer in einen Betroffenen und in einen Kläger zu verwandeln. Denn das Opfer schweigt, der Kläger klagt. Das ist das was beide tun und womit sie anderen, die noch Opfer sind, Hoffnung und Kraft geben. Diese Verwandlung ist wohl für beide das eigentliche Ziel der Klage. Geld? – So viel kann das Kloster gar nicht bezahlen, um hier etwas „wieder gut zu machen“. Egal wie viel das Kloster zahlt, im Vergleich zur Schuld, die es auf sich geladen hat, ist es weder genug für Buße, noch für die Kläger ein hinreichender Grund durch die Tortur des Prozesses zu gehen.

Dimensionen erschlagen mich

So wird aus dieser Reise, auf die ich vor ziemlich vielen Jahren geschickt wurde, eine Recherchereise zurück in meine Jugend in der Klosterschule. Ich treffe alte Freunde wieder, sehe meine Familie häufiger, wandere wieder am Bodenseeufer. Zu Beginn meiner konkreten Recherche vor einigen Monaten setzte ich mich einige Tage hintereinander täglich in den Hof zwischen Kloster und Internat. Ich saß ganz still, achtete ganz dezidiert auf Gefühle, die da auftauchen und fragte mich, ob ich das machen soll und aushalten will. Soll ich diese Reise jetzt wirklich intensivieren, die Geschwindigkeit erhöhen. In diesem großen Hof steht in der Mitte ein Brunnen, den ein ehemaliger Lehrer der Schule entwarf. Er zeigt ein Kind mit ausgebreiteten Armen an der einen Seite. Eine Frau, die ihr Kind stillt, auf einer anderen. Ich mag diesen Brunnen sehr. Im Hof ist es meist sehr ruhig. An einem Tag fand eine Hochzeit statt und ich fragte mich: Warum kommen die Menschen immer noch hierher, um sich vermählen zu lassen? In den Pausen strömten die Schüler aus den Türen und ich fragte mich, welche Eltern ihre Kinder noch immer hierher bringen.

Da habe ich einen Entschluss gefasst. Ich werde reisen, ich werde recherchieren. So begann ich und in den ersten zwei Wochen erschlug mich die Dimension. Von Tag zu Tag lernte ich neue Details kennen, hörte neue Namen, neue Betroffene, neue Täter. War ich mit vier mir sicher bekannten Opfern losgezogen, fragte ich mich nach zwei Wochen am Weg zurück nach Wien: Waren es wirklich Hunderte? Ich bin noch nicht überzeugt, dass es nicht Hunderte waren und spreche von der Zeit um 1960 bis heute. Jeden Tag wurden es mehr. Und ich wusste, die Täter taten das Ihre ohne Bremse bis sie erwischt und versetzt wurden.

Von da arbeitete ich unter folgender Prämisse: Nach allem, was ich heute weiß, präsentiert sich mir das Kloster als eine kriminelle Organisation. Aus folgendem Grund: Ich habe den Verdacht, es ist oder war ein wesentlicher Existenzgrund der Organisation (oder eines Zirkels in der Führungsebene der Organisation), Tätern Kinder zuzuführen. Vielleicht existiert eine Organisation in der Organisation, die kriminell ist, aber eine Organisation gibt oder gab es wohl. Dieser Verdacht hat sich bisher noch nicht zerstreut und ich bin gespannt, was die Prozesse und meine Reise noch alles zu Tage befördern werden. Ich wünsche mir, am Ende der Recherchen sagen zu können: Ich habe mich getäuscht, das Kloster, seine innere Struktur sind nicht an sich kriminell. Ich wünsche mir, sagen zu können: Es waren einzelne, die gut zusammenhielten und Positionen besetzten. Ich wünschte, sagen zu können: Das Kloster ist heute anders als damals. Und vor allem wünsche ich mir sagen zu können: Es gab viel weniger Vergewaltigungen und Misshandlungen, als ich angenommen habe.

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4 Kommentare zu “Schreiben über die Mehrerau – Ein Bienen-Outing

  1. Ehrlich. zu dir selbst und zu bekannten und unbekannten Menschen. Danke für deine Energie die du deines Willens und deiner journalistischen Arbeit rein gesteckt hast. Ich wünschte mehr Menschen würden dieses Medium der Selbstbefreiung -aufarbeitung nutzen, hätten die Geduld mit sich selbst und das Vertrauen, sich äußern zu können und gehört, gelesen zu werden. Ich mag deine Arbeiten, weil ich dich kenne und weiß wie offen und ehrlich die Begegnung mit dir sein kann. Je mehr ich von dir lese, desto mehr schätze ich deine Schreibart. Ja, objektiv zu schreiben geht wohl nicht, daher finde ich es schön, dass du deine LeserInnen so nah an dich ran lässt. Leserin outing: Ich lese nicht viel, weder Zeitung, noch Bücher, noch im internet. Ich höre Menschen zu, die mir ehrlich vorkommen. Ich lese dich gern!

    • Vielen Dank! Für die lieben Worte, die Aufmunterung und Dein solidarisches Outing. Ich freu mich, dass Du mich gerne liest. Bald gibt’s mehr und dann auch mal über ein schöneres Thema. Das verspreche ich zwar schon lange, aber es wird jetzt soweit sein.
      Bis bald
      Die Biene

  2. Markus, wacht er?
    Ja, nomen est omen. er schläft nicht, wenn es um die Sorgen und Nöte der Geschundenen geht.
    Das ist feiner, sensibel- investgativer Journalismus, wie wir ihn dringend benötigen.
    Vielen Dank und weiter so.

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