Bei jedem Schlag stöhnte er „Ja! Ja! Ja!“ – Bruno G. gegen das Kloster Mehrerau

Wer einen verurteilten und als besonders sadistisch bekannten Sexualstraftäter zum Lehrer und Leiter eines Internats bestellt, hat mit Folgendem zu rechnen:

In der ersten Klasse im Unterricht legte B einen Schüler auf sein Pult. Dann schlug er ihn mit einem fingerdicken Haselstock, bis vom Stock nichts mehr übrig war. Die halbe Klasse weinte. B hat bei jedem Schlag ekstatisch „Ja! Ja! Ja!“ gestöhnt. *

In der dritten Klasse hat ein Mitschüler versucht sich das Leben zu nehmen. Jahre später habe ich erfahren, der Grund für den Suizidversuch war der Abend-Chemie-Kurs des B.*

Monate später habe ich einen kleinen Mönch getroffen und ihn nach B gefragt. Er sagte: „Der macht munter weiter!“ *

 

 

Kloster-Anwalt Bertram Grass und Mehrerau-Pressesprecher Harald Schiffl (c) Markus Wachter

2. Verhandlungstag; 24.7.2012; Landesgericht Feldkirch

Am zweiten Tag des Zivilprozesses von Bruno G (45) gegen das Kloster Mehrerau standen Zeugenaussagen im Zentrum. Der ehemalige Schüler klagt auf Schadenersatz, nachdem ihn der damalige Internatsleiter, B, im Jahr 1982 vergewaltigt hatte. Besonders die Schilderung einer massiv brutalen Prügelszene, begangen von B, sorgte für Emotionen im Gerichtssaal. Angesichts dieser Brutalität ging es fast unter, auch von einem weiteren Fall sexuellen Missbrauchs erfahren zu haben. Altabt Kassian Lauterer, der sehr viel zu erklären gehabt hätte, blieb der Verhandlung aus gesundheitlichen Gründen fern. Die Ladung an ihn bleibt aufrecht.

Zwei Prozesse laufen derzeit gegen das Kloster Mehrerau wegen sexuellem Missbrauch an Schülern. In beiden Fällen, sowohl bei Kläger Bruno G als auch bei Christian C, war der Täter B, ein Mönch, der bereits als verurteilter Sexualstraftäter in die Mehrerau gekommen war und dort die Karriereleiter bis hinauf zum Internatsleiter klettern konnte. Im Zuge einer Zeugenaussage am zweiten Prozesstag wurde klar, dass dieser noch mindestens ein Verbrechen mehr begangen haben dürfte, als bisher bekannt war.

Schlimmeres als sexueller Missbrauch

Der Zeuge, ein 40 Jahre alter Historiker, war Ende der 70er-Jahre Schüler der Mehrerau. B war sein Biologie- und Chemielehrer. Der Zeuge erzählte folgendes: „In der ersten Klasse hat der B einen Schüler auf sein Lehrerpult gelegt. Dann hat er ihn mit einem fingerdicken Haselstock minutenlang geschlagen. Der Stock ist gesplittert, bis nichts mehr von ihm übrig war. Die halbe Klasse hat geweint. B hat bei jedem Schlag ekstatisch „Ja! Ja! Ja!“ gestöhnt. […]

In den ersten Schuljahren war ich befreundet mit A. Wir haben in der Schule 10 Theaterstücke geschrieben und zur Aufführung gebracht. A war ein fröhlicher und aufgeweckter Junge. Irgendwann in der dritten Klasse ist er von einem Heimfahrtsonntag nicht zurückgekommen. Wir wussten damals, dass er versucht hatte, sich selbst zu töten. Ich habe A Jahre später zufällig wiedergetroffen. Er hat mir dann gesagt, der Grund für seinen Suizidversuch sei der Abend-Chemie-Kurs von B gewesen. Dort habe B ihn ans Pult gedrückt und Kopulationsbewegungen bis zum Orgasmus vollzogen. Das schlimmste aber sei gewesen, dass ihn der sexuelle Missbrauch wegen Bs Stöhnen an die Szene aus der ersten Klasse erinnerte.“

Es war in der Mehrerau der 70er-Jahre unter der Leitung von Altabt Lauterer und B also möglich, dass sexueller Missbrauch nicht einmal das schlimmste war, was man als Schüler erleben konnte. In der Zeugenaussage kommt zutage, wie sadistisch und brutal der damalige Internatsleiter gewesen sein muss. Was A nicht ertragen konnte, war nicht nur der Missbrauch selbst, sondern auch die Erinnerung an dessen Gewaltexzess zwei Jahre zuvor. Die Traumatisierungen häuften sich in einem brutalisierten Umfeld. All das blieb der Klosterhierarchie verborgen? Es wäre interessant gewesen zu erfahren, was Lauterer über den Suizidversuch des A wusste.

„Der macht munter weiter“

(c) Markus Wachter

Als Zeuge geladen war an diesem zweiten Prozesstag auch der Vater des Klägers. Er erzählte, wie sein Sohn Bruno nach dem Missbrauch zu Ostern 1982 zu Fuß von Bregenz nach Liechtenstein, ca. 30 Kilometer weit, ging, weil er fürchtete, an Bahnhöfen oder Busstationen von B abgefangen zu werden. Gleich am nächsten Tag sei er mit seiner Frau zum damaligen Abt Lauterer gefahren und habe ihn zur Rede gestellt. „Lauterer war bereits informiert und nicht überrascht [über unser Kommen]. Ich sagte ihm, dass ich beabsichtige, zur Polizei zu gehen. Er antwortete, wenn ich nicht zu Polizei gehe, werde er B sofort suspendieren, er dürfe keine Messe mehr lesen und werde ohne Kontakte zu Jugendlichen untergebracht.“ Sämtliche Zusagen hat er aber gebrochen. Kaum vier Monate später war B Pfarrer einer kleinen Tiroler Gemeinde. Davon habe er einige Monate später erfahren. „Ich traf einen kleinen Mönch. Den fragte ich, was mit B sei. Der Mönch antwortete: ‚Der macht munter weiter.‘“

Brunos Vater machte auch deutlich, welche Folgen ein solches Verbrechen, wie es an seinem Sohn begangen worden war, haben kann. „Nach dem Missbrauch ging es mit Bruno abwärts.“ Er brach mehrere Ausbildungen hab. „Ich habe zwei Söhne, der Bruno war der pfiffigere, intelligenter von den beiden. Doch der andere Sohn hat seinen Weg gemacht. Hat [einen Beruf], eine Frau und Kinder.“ Dem Kläger ist das bisher verwehrt geblieben. Vielleicht hilft der Prozess ihm dabei, das Geschehene zu verarbeiten und  neu durchzustarten. Auch das ist eine Funktion dieses Prozesses – es geht nicht um Rechtsfindung allein.

Verjährung

Die beiden anderen Zeugenaussagen drehten sich im Wesentlichen um die juristisch derzeit entscheidende Frage der Verjährung. Strafrechtlich sind die Delikte längst verjährt. Doch zivilrechtlich gilt eine andere Frist. Die Frage ist: Kann das Kloster für die Taten eines seiner Organe heute haftbar gemacht werden? Das Gesetz bietet ungefähr folgende Lösung. Normalerweise kann eine Institution nur drei Jahre für die Taten von Mitarbeitern schadenersatzrechtlich belangt werden. Es gibt davon aber eine Ausnahme: War derjenige, der die Schadenersatzpflicht auslöst, ein „Machthaber“ innerhalb der Organisation, so verlängert sich die Frist auf 30 Jahre. Was ein Machthaber genau ist, wurde in Österreich noch nicht ausjudiziert. Das Gericht wird hier aber wohl auf die tatsächlichen Befugnisse abzustellen haben, also auf Fragen wie: Konnte B selbständig Verträge abschließen? Bestimmte er die täglichen Abläufe selbst? Welche Machtposition hatte er im Internat? Es stellt sich also die Frage: War B als Internatsleiter ein „Machthaber“ im Sinne des Gesetzes?

Das Kloster vertritt hier die Meinung, B sei kein Machthaber, sondern ein weisungsgebundener Untergebener des Abtes und alleine der Abt sei Machthaber gewesen. Die Zeugenaussagen klangen aber durchwegs anders. So schilderte ein ehemaliger Schüler, der später als Erzieher im Internat tätig war: „Der Regens [Internatsleiter; Anm.] ist der wirtschaftliche und pädagogische Leiter des Internats. Er war für mich der Dienstgeber. Er war mein direkter Vorgesetzter, hat mich angestellt. Ich wurde von ihm bezahlt [damals noch in bar; Anm.] und ging mit allen meinen Anliegen zu ihm. Er stellte mein Dienstzeugnis aus. Auch alle wirtschaftlichen Belange liefen über ihn. Meinen Antrag auf Gehaltserhöhung besprach er lediglich mit dem Buchhalter. Der Regens trat auch immer gegenüber den Eltern als Vertreter des Internats auf. Der Abt hat sich meines Wissens nicht in die Belange und täglichen Abläufe [der Schule und des Internats, Anm.] eingemischt.“ Das klingt nicht nach jemandem, der keine Macht in Händen hält. Es sei in Erinnerung gerufen, dass Altabt Lauterer den B im Jahr 1981 zum Internatsleiter berief, ihm also diese Machtfülle übertrug – Jahre nach seiner ersten Verurteilung wegen sexuellem Missbrauch, Jahre nach den Vergewaltigungen des Christian C, nach dem oben beschriebenen Missbrauch an A und dessen Suizidversuch, nach der oben beschriebenen Prügelszene im Klassenzimmer. Der Zeuge in einer Randbemerkung über den B, seinen damaligen Vorgesetzten: „Es gab Gerüchte über B, dass er brutal und ein Schläger ist, aber nichts über sexuellen Missbrauch.“

Auch Brunos Vater bestätigte im Hinblick auf die „Machthaber“-Stellung des Internatsleiters, für ihn und seine Frau sei nur er der Ansprechpartner gewesen, mit dem Abt habe man nichts zu tun gehabt.

Wohlwend: „B hat Missbrauch gestanden“

Schwieriger einzuschätzen war die Aussage des Priors, des Stellvertreters des Abtes, Vinzenz Wohlwend. Erhellendes kam dabei vor allem für den parallel laufenden Prozess des Christian C zutage. Schon 2006 habe ihn C auf sexuellen Missbrauch angesprochen. „Er hat mir gegenüber Andeutungen gemacht.“ Doch seines Wissens sei, bevor die Fälle medial bekannt wurden, im Kloster „zwar allgemein über sexuellen Missbrauch gesprochen werden, aber nicht darüber, dass wir selbst davon betroffen sind“. Er habe über die Medien davon erfahren. Man muss also davon ausgehen, dass er in den „Andeutungen“ des Christian C keinen Anlass sah, eine solche Möglichkeit klosterintern zu thematisieren.

In einem Punkt überraschte Wohlwend. Er bestätigte nämlich, der B habe ihm gegenüber den Missbrauch an Christian C gestanden. Am ersten Verhandlungstag hatte der Anwalt der Mehrerau, Bertram Grass, noch in aller Deutlichkeit Christian die Glaubwürdigkeit abgesprochen und das habe er „sich selbst zuzuschreiben“ und seinen Aussagen, meinte der Beklagtenvertreter damals. Vor dem ersten Prozesstag hatte die Mehrerau die Tatsache des Missbrauches außer Streit gestellt, also als geschehen akzeptiert. Grass zog die Außerstreitstellung zurück. Das Gericht hat nun zu prüfen, ob es den Missbrauch gegeben hat, oder nicht. Das könnte für die beklagte Partei ein Schuss nach hinten werden. Denn bei der Erforschung materieller Wahrheit kommt oft mehr zutage, als beabsichtigt wird. Die Aussage des Wohlwend, wie auch die der übrigen Zeugen des zweiten Verhandlungstages, sind schon ein Schritt in diese Richtung.

Wo sich B aufhält, wollte übrigens auch Wohlwend nicht verraten. Die Zeugenladung konnte ihm bisher nicht zugestellt werden.

* Zeugenaussagen; aus dem handschriftlichen Verhandlungsprotokoll des Autors.

Bericht über den ersten Verhandlungstag des Bruno G hier

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2 Kommentare zu “Bei jedem Schlag stöhnte er „Ja! Ja! Ja!“ – Bruno G. gegen das Kloster Mehrerau

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