„Du hast das wohl auch gewollt…“ – Bruno G. gegen das Kloster Mehrerau

Wer einen verurteilten und als besonders sadistisch bekannten Sexualstraftäter zum Lehrer und Leiter eines Internats bestellt, hat mit Folgendem zu rechnen:

 „Ein Schüler wurde von B vor dem Speisesaal zu Boden geschlagen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Klostervertreter nichts [von dessen Gewalttätigkeit] mitbekommen haben.“ *

„Ich wurde kurz vor Ostern 1982 im Gartenhaus des Klosters von B vergewaltigt.“ *

„Ich habe nie darüber gesprochen. Ich dachte jahrelang, ich bin der einzige.“ *

„[Altabt Lauterer], sagte zu mir, ich sei ein junger, neugieriger Mann gewesen, ich habe das wohl auch gewollt.“ *

1. Verhandlungstag; 26.4.2012, Landesgericht Feldkirch

Bruno G war sichtlich angeschlagen, als er am 26.4.2012 den Gerichtssaal betrat, um dort Vertretern jenes Kloster gegenüber zu sitzen, in dem er vor 30 Jahren vergewaltigt worden war. Er zitterte am ganzen Körper, doch er hatte Freunde bei sich, die ihn unterstützten. Und er hatte auf der Gegenseite eine beklagte Partei, für die der bisherige Prozesstag gar nicht gut gelaufen war. (Direkt vor der Verhandlung des Bruno G war die Klage des Christian C verhandelt worden.) Brunos Zeugenaussage wirft ein helles Licht auf den Geist, in dem Kloster und katholische Kirche auf Missbräuche in den eigenen Reihen reagieren: mit Gegenvorwürfen und der Diffamierung der Opfer.

Die leersten aller Versprechen

Bruno wurde kurz vor Ostern 1982 von B, dem damaligen Internatsleiter der Mehrerau vergewaltigt.  Daraufhin floh er aus dem Kloster und erzählte das Erlebte seinen Eltern. Diese reagierten auch unmittelbar, fuhren nach Bregenz und stellten Altabt Lauterer zur Rede. Um die Eltern von einer Anzeige bei der Polizei abzuhalten, gab er ihnen mehrere Versprechen, die er nie einhalten sollte. Lauterer versprach: B werde nie wieder eine Messe halten; er werde zu einer Therapie verpflichtet, suspendiert und dort untergebracht, wo er keinen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen habe. Alle vier Versprechen wurden gebrochen. Kaum vier Monate später war B zum Pfarrer einer kleinen Tiroler Gemeinde berufen, wo er Messen las und Jugendliche betreute. Zwar machte er in diesen vier Monaten eine Therapie, doch bei einem dermaßen sadistischen Wiederholungstäter ist das wohl zu wenig. Das Kloster Mehrerau fand, es sei genug.

2004 wandte sich Bruno erstmals an die Polizei, die aber „klar sagte, alles sei verjährt“, was strafrechtlich auch korrekt ist. Dass eine zivilrechtliche Klage noch möglich ist, wurde ihm vor kurzer Zeit bewusst. Er war gerade auf einer Reise, als er von seinem Cousin angerufen wurde. Der berichtete ihm von der Klage des Christian C. Und, was noch viel wichtiger gewesen sein dürfte: Er erzählte ihm, eine Gruppe von ehemaligen Mitschülern habe sich zusammengeschlossen, um ihn zu unterstützen. Daraufhin entschloss er sich zur Klage, wohl nur wenige Monate vor Ablauf der Verjährungsfrist. [Die Verjährung ist juristisch betrachtet bisher die zentrale Frage des Prozesses. Ein eigener Artikel zu den juristischen Hintergründen und Abläufen ist in Arbeit.]

Im Zuge seiner Anzeige aus dem Jahr 2004 wurde schließlich auch der damalige Abt Kassian Lauterer einvernommen. Dabei gab er Informationen zu Protokoll, die heute auf ihn zurück zu fallen scheinen. Damals bestätigte er das Vorhandensein eines Eintrages in den Personalakt des B über die Gewalttätigkeit gegen Minderjährige und die Verurteilung. Er sagte auch aus, er sei 1968 informiert worden, B sei „von der Gendarmerie beamtshandelt worden, weil er sich […] an Jungen sexuell vergriffen“ habe. Heute ist die Aktennotiz verschwunden und niemand will vom notorischen Sadismus des B gewusst haben. Der Altabt ist als Zeuge geladen. **

Schuldumkehr

Im Jahr 2002 und 2004 wandte sich Bruno mit der Unterstützung seiner Tante an Lauterer. Er wollte ein persönliches Gespräch, das er schließlich auch bekommen sollte. Doch lief dieses Gespräch gar nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte: „Solange meine Tante dabei war, verlief es nett. Als ich mit ihm alleine war, sagte er zu mir, ich sei ein junger, neugieriger Mann gewesen, ich habe das wohl auch gewollt.“ Offenbar wusste der Abt genau, was er mit so einer Aussage erreichen wollte und wie menschenverachtend sie ist, denn sonst hätte er wohl nicht gewartet, bis er mit Bruno alleine war.

Die Aussage an sich fügt sich nahtlos in die Methoden ein, die das Kloster bis heute anwendet, um den Opfern (zumindest unterschwellig und zumindest teilweise) die Schuld für das Erlebte selbst in die Schuhe zu schieben. In genau dieselbe Kerbe schlägt beispielsweise die erste Presseaussendung des Klosters nach Bekanntwerden der ersten Fälle. Darin werden Maßnahmen angekündigt, die Missbrauch künftig verhindern sollen. Die erstgenannte und wichtigste: „In der Mehrerau wird ein Verhaltenskodex erarbeitet, der für alle Schüler, Lehrer, Patres und Mitarbeiter der Abtei bindend ist.“ Das erste und wichtigste Mittel, sexuellen Missbrauch zu unterbinden, ist aus Sicht des Klosters die Regulierung des Verhaltens der Schüler.

Mit einem Verhaltenskodex für Schüler an erster Stelle wird nicht direkt ausgesprochen, aber dennoch deutlich gemacht, in welchem Geist die „Aufarbeitung“ stattfinden wird. Es kann auch als Warnung an all jene gelesen werden, die noch reden wollen. „Ok, klage uns an, dann werden wir alles tun, damit die Schuld daran an dir hängen bleibt“, bildet wohl den (beabsichtigten?) Subtext. Dass einem erfahrenen, eiskalten Medienprofi, wie Mehrerau-Pressesprecher Schiffl, so eine Formulierung oder auch nur die Reihenfolge versehentlich entkommt, darf bezweifelt werden. Die Schuld an einer Vergewaltigung dem Opfer zuzuschreiben, hat in besonders religiösen Kreisen eine lange Tradition. Mit Bezug auf diese Presseaussendung stellte der Autor dem Sprecher die Frage: „Inwieweit glauben sie, hat das Verhalten der Jugendlichen zum sexuellen Missbrauch an ihnen selbst geführt?“ Doch er weigerte sich beharrlich, diese Frage zu beantworten. Er brachte auch nicht über die Lippen, dass die Opfer keine Schuld hätten sondern sprach lieber von „gedeihlichem Zusammenleben“. Wie aber die Schüler sich verhalten hätten sollen, damit das Zusammenleben mit B, dem sadistischen Internatsleiter, „gedeihlich“ geworden wäre, erwähnte er ebenfalls nicht. ***

Gegen die Wahrheit

Der erste Verhandlungstag brachte zwar juristisch keine Klärung, er machte aber deutlich, wie wichtig es für ein Opfer ist, nach außen zu treten, anzuklagen und zumindest zu spüren, dass die Täter, die unmittelbaren und die Vertuscher, zum ersten Mal für ihre Taten belangt werden. Bruno verließ den Gerichtssaal jedenfalls wesentlich gelöster, als er ihn betreten hatte. Er konnte sogar einem Freund zulächeln. Bruno war es ein Stück weit gelungen, nicht mehr Opfer, sondern von nun an Betroffener und Kläger zu sein.

Die mediale Berichterstattung, die Aufarbeitung der Fälle vor Gericht und was dabei zutage kommt, zwingt das Kloster Mehrerau zu reagieren. Die Täterseite muss ernsthaft für möglich zu halten, dass auch all die anderen Fälle, die jetzt noch im Untergrund brodeln, nach oben kommen. Die Wahrheit ist der Feind, gegen den das Kloster im Prozess kämpft, das wird laufend deutlich. Denn die Taten des B sind nur die sichtbare Spitze eines Systems aus Kindesmissbrauch und Vertuschung, das 1982, mit dem Abgang des B nicht zu Ende war. To be continued…

* Aus der Prozessmitschrift des Autors

** Lauterer wurde, laut Bertram Grass, Stunden vor dem zweiten Prozesstag am 24. Juli 2012, für den er geladen war, krank und erschien nicht bei Gericht.

*** Kurzinterview des Autors mit Harald Schiffl im Anschluss an den zweiten Verhandlungstag am 24. Juli 2012

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Ein Kommentar zu “„Du hast das wohl auch gewollt…“ – Bruno G. gegen das Kloster Mehrerau

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