Wie man ein Opfer verhöhnt – Christian C. gegen das Kloster Mehrerau

Wer einen verurteilten und als besonders sadistisch bekannten Sexualstraftäter zum Lehrer und Leiter eines Internats bestellt, hat mit Folgendem ernsthaft zu rechnen:

„Ich wurde über drei Jahre lang wiederholt vergewaltigt.“ – Richterin: „Wurde Analpenetration vorgenommen?“ –  „Ja.“ [Er weint]*

„Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, weil der Teil von mir, der verantwortlich ist, dass ich noch lebe, das in die Tiefe gelegt hat. Es war mir in all den Jahren nicht bewusst.“*

„Es kostete mich unglaublich viel Kraft, […] nichts nach außen dringen zu lassen. Ich bin wie ein gepanzerter Roboter durchs Leben gegangen und habe viele Freunde verloren.“*

1. Verhandlungstag; 26.4.2012

Landesgericht Feldkirch

Er sei im Kloster Mehrerau „über drei Jahre lang vergewaltigt“ worden, sagte der heute 58-jährige Christian C am ersten Tag des von ihm angestrebten Zivilprozesses gegen das Stift am Landesgericht Feldkirch. Er klagt auf Verdienstentgang und Schmerzensgeld, doch steht ganz etwas anderes für ihn im Vordergrund: Er will „kein Opfer mehr sein“. War vor der Verhandlung unbestritten, dass es den Missbrauch tatsächlich gegeben hat, „zweifelte“ der Anwalt der Mehrerau, Bertram Grass, plötzlich daran. Unmittelbar vor der Verhandlung hatte Christian sich im Zuge einer kleinen Performance den Medien zu erkennen gegeben. Kaum war er geoutet**, wurde er von Grass der Lüge verdächtigt. Seinem Chef, Abt van der Linde war das sichtlich unangenehm.

Der Verhandlungstag begann mit einem traurigen Lied, vorgetragen von Christian C, dem Kläger: „Hokus pokus filius und vielmals schwarzer Kater. Kinderquälen Hochgenuss. Was er musst, das tat er, der schwarze Kater.“ Er sei gekommen, „weil er kein Opfer mehr“ sein wolle, wenn er das Gericht später verlasse. „Betroffener ja, aber kein Opfer.“

Ein „gepanzerter Roboter“

Christian C kam 1968 in die Mehrerau und blieb dort drei Jahre lang Schüler. Pater B, der damals schon einschlägig vorbestrafte Kinderschänder, wurde im selben Jahr erstmals als Lehrer eingesetzt, obwohl er kein Studium abgeschlossen und keinerlei fachliche oder pädagogische Qualifikation für den Lehrerberuf hatte. Von diesem Mönch wurde Christian über drei Jahre lang wiederholt vergewaltigt. Die Schilderung der damaligen Ereignisse fiel ihm beim Prozessauftakt sichtlich schwer. Er begann immer wieder zu weinen und brachte kaum über die Lippen, was ihm damals geschehen war. Als die Richterin ihn nach der Intensität des Missbrauches fragt, beginnt er zu weinen und kann seine Antwort nicht direkt aussprechen. Er bringt einen Vergleich: „Ich fühlte mich, wie das Brötchen von einem Hot Dog“. Klingt fast lustig, aber im Saal lachte keiner. Nachfrage der Richterin: „Wurde an ihnen Analpenetration vorgenommen?“ – „Ja.“ Er weint.

Nach dieser Tortur war für Christian – wie für so viele Vergewaltigungsopfer – alles anders. Die Taten hinterließen tiefe Spuren. Er berichtet von seinem Kampf, alles geheim zu halten vor seinem sozialen Umfeld aber auch vor sich selbst. „Es kostete mich unglaublich viel Kraft, gegenüber meiner Klassengemeinschaft nichts nach außen dringen zu lassen. Ich bin wie ein gepanzerter Roboter durchs Leben gegangen und habe viele Freunde verloren.“ Als die ersten Missbrauchsfälle in der Öffentlichkeit bekannt wurden, versagte die Strategie der Verdrängung. „Zuvor habe ich mit niemandem darüber gesprochen, weil der Teil von mir, der verantwortlich ist, dass ich noch lebe, das in die Tiefe gelegt hat. Es war mir in all den Jahren nicht bewusst.“ Eine Fernsehsendung zum Thema brachte das Kartenhaus zum Einsturz. Alles war plötzlich wieder da. „Die vergangenen zwei Jahre waren, was die Reise in meine Seele betrifft, sehr heftig.“ Und was denkt das Vergewaltigungsopfer über sich selbst nach Jahren der Abspaltung: „Ich sitze hier als Lebenslüge auf zwei Beinen.“

„Herzbeziehung“ – „Christian, auch du?“

In der sechsten Klasse verließ Christian die Mehrerau, blieb aber dem Kloster und auch B über all die Jahre verbunden. Es war sogar sein Peiniger, der ihn 23-jährig traute. Nach Bs Versetzung nach Tirol besuchte er ihn dort regelmäßig. Heute meint er dazu: „Das war eine Identifikation mit dem Aggressor. Ich muss das für mich noch ausloten.“ Auch während der Besuche bei B sei ihm das Erlebte nicht in den Sinn gekommen. Zum damaligen Abt des Stiftes, Kassian Lauterer, habe ihn eine „Herzensbeziehung“ verbunden. Christian, der seit seinem 30. Lebensjahr Maler ist, arbeitete mit der Pfadfindergruppe der Schule als Kreativtrainer.

Die „Herzbeziehung“ zu Lauterer sollte sich dramatisch ändern, als Christian sich im Jahr 2010, Lauterer war schon nicht mehr Abt, an ihn wandte und ihm seine Geschichte erzählte. Er habe damals geantwortet: „Christian, auch Du?“ Er habe „diese Antwort so verstanden, dass er zum damaligen Zeitpunkt über Missbrauchsfälle [sic!; pl.] Bescheid wusste“, sagte Christian. Er bat um einen Termin mit Lauterers Nachfolger, van der Linde, der über ein halbes Jahr nicht zustande kam. Van der Linde selbst begründete dies mit Auslandsreisen. Man stelle sich vor: Ein Abt übernimmt die Leitung eines Klosters und erfährt bald, dass ein ihm direkt untergebener Mönch schwerste Verbrechen an Kindern begangen haben soll. Um ein Gespräch mit einem Opfer zu organisieren benötigt er aber ein halbes Jahr. Was gab es da Wichtigeres zu tun? Man verwies Christian bequem an die Klasnic-Kommission, doch für ihn war das Kloster Ansprechpartner. Er wollte sich nicht zur Kommission „abschieben lassen“.

Die perfiden Folgen blank liegender Nerven

Kloster-Anwalt Bertram Grass wirkte phasenweise unrund

Kloster-Anwalt Bertram Grass wirkte phasenweise unrund. (C) Markus Wachter

Mitten in der Schilderung seiner Folterungen und deren psychischen Folgen trug sich Eigenartiges zu: Bertram Grass, den Anwalt der Mehrerau, hielt es nicht mehr auf seinem Sessel. Plötzlich und ohne ersichtlichen direkten Anlass sprang er auf und sagte, schrie fast, in einem überraschend aggressiven Tonfall in Richtung des Opfers: „Wir ziehen die Außerstreitstellung zurück…“. Der juristische Term meint hier: Bisher haben wir geglaubt, dass du vergewaltigt wurdest, aber jetzt glauben wir dir nicht mehr! „Wir ziehen die Außerstreitstellung zurück und das haben sie sich selbst zuzuschreiben und ihren Aussagen!“ Warum genau er ihm nicht mehr glaubt, was zum Sinneswandel geführt hatte, blieb unklar. Es blieb auch unklar, ob Grass, der schon Jahrzehnte bei Gericht verhandelt und ein alter Fuchs ist, hier wirklich die Contenance verlor und einen Akt der Verzweiflung setzte oder dem Opfer aus strategischen Gründen einen Schlag versetzte. Das Kloster hatte im bisherigen Verhandlungsverlauf nicht gut ausgesehen. Abt van der Linde war diese Szene sichtlich unangenehm. Sein ohnehin schon dauernd roter Kopf begann zu glühen. Auch der Pressesprecher der Mehrerau, Harald Schiffl, wirkte plötzlich nervös und seine professionelle Fassade bekam einen kleinen Riss.

Etwas klarer, wenn auch nicht gänzlich verständlich wurde die Szene nach der Verhandlung, als die Standard-Journalistin Jutta Berger den Abt fragte: „Bisher haben sie nicht infrage gestellt, dass es einen Missbrauch gab. Jetzt glauben sie Christian C nicht mehr? Warum?“ Darauf van der Linde in einem Akt der Selbstentlarvung: „Das hat der Anwalt gesagt.“ Es stellt sich hier die Frage, wer eigentlich den Prozess führt. Der Auftraggeber eines Anwalts versteckt sich hinter den Aussagen dieses Anwalts und sagt, da könne er nichts dafür. Also führt Grass diesen Prozess? Und wenn ja, in wessen Auftrag. Denn wenn van der Linde keinen Einfluss auf Grass nehmen kann, wie er offenbart, wer kann es dann? Ist van der Linde hier wirklich Herr des Verfahrens, wie er es als absoluter Herrscher der beklagten Partei sein sollte?

Warum man einen Kinderschänder versteckt?:

Er hat mich darum gebeten – Ah, ja…

Die Grass’sche Strategie hat jedenfalls in Teilen funktioniert. Für Christian war das ein Schlag ins Gesicht. Noch einer. Dies wurde schon im Gerichtssaal klar. Er konnte es sichtlich kaum fassen. Es ist dies auch eine lehrbuchmäßige Anleitung, wie man ein traumatisiertes Opfer verhöhnt und damit möglicherweise hoffen kann, das Outing eines anderen Opfers zu verhindern. Grass selbst sollte diesen Schritt einige Wochen später mit „prozessualer Vorsicht“ begründen. Auch der Presseprecher der Mehrerau, Harald Schiffl, begrüßt diese Vorgehensweise, „denn nun muss das Gericht einfach alles umfassend aufklären.“ Doch wird dies nicht so leicht sein, denn das Kloster versteckt den Täter. Es ist dies eine wohl legale aber perfide Strategie. Man zwingt das Gericht, den Missbrauch nachzuweisen, versteckt aber gleichzeitig den Täter, der zur Aufklärung wohl beitragen könnte. Der Abt wurde im Zeugenstand nach Bs Aufenthaltsort  gefragt. „Pater B ist depressiv und suizidgefährdet. Er hat mich gebeten, seinen Aufenthaltsort nicht bekannt zu geben.“

Die Einvernahme des Abtes warf am Ende des ersten Verhandlungstages insgesamt wohl mehr Fragen auf, als sie beantwortete. Während eines staatsanwaltlichen Vorverfahrens gegen B im Jahr 2004, das wohl wegen Verjährung niedergelegt wurde, sagte sein Vorgänger Lauterer, es habe einen Eintrag im Personalakt des B zu sexuellem Missbrauch gegeben. Außerdem soll Lauterer zu Protokoll gegeben haben: „[Der damalige Prior] sagte mir 1968, dass B von der Gendarmerie beamtshandelt worden sei, weil er sich […] an Jungen sexuell vergriffen habe.“ Bs Gewalttätigkeit war also bereits 1968 bis in die Spitze der Klosterhierarchie bekannt. Doch 2012 gibt Nachfolger van der Linde zu Protokoll: „Es gibt keinen Eintrag in den Personalakt. […] Zugang zum Akt hat nur der Abt.“ Wer hat also den Akteneintrag entfernt? Und wann? Der Anwalt von Christian, Sanjay Doshi, beantragt Lauterers Einvernahme.

Und eben wieder die Frage: Wie kann ein verurteilter und als besonders sadistisch bekannter Sexualstraftäter zunächst zum Lehrer (1968) und schließlich sogar zum Internatsleiter bestellt werden?  Auf diese Posten gehoben wurde er von Lauterer. Warum er? Die Beantwortung besonders dieser Fragen wird ein Licht auf den Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch in ihren Reihen werfen. Man darf gespannt sein, welche gedanklichen Verrenkungen Lauterer im Zeugenstand zu Protokoll geben wird, um seine damalige Entscheidung zu rechtfertigen***.

Der Prozess wurde vertagt.

*Aus der Prozessmitschrift des Autors

** Ich verwende trotz des Outings weiterhin das Pseudonym

*** Lauterer wurde inzwischen für den zweiten Prozesstag am 24. Juli 2012 als Zeuge geladen. Laut Anwalt Grass erkrankte er aber in der Nacht vor der Verhandlung und blieb fern.

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Ein Kommentar zu “Wie man ein Opfer verhöhnt – Christian C. gegen das Kloster Mehrerau

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