„Ich bin eine Frau und möchte als Frau sterben“

Transsexuelle Sexarbeit in Istanbul ist ein hochriskanter Beruf. In der Türkei wurden 2011 bereits 14 Sexarbeiterinnen aufgrund ihrer transsexuellen Identität ermordet. Gleichzeitig ist ihre Arbeit begehrt wie nie zuvor.

Das Nachtleben im Istanbuler Stadtteil Taksim ist legendär. Hunderte Bars und Klubs befinden sich hier neben Nobelboutiquen, feinen Hotels und Restaurants. Tausende TouristInnen und wohlhabende  EinwohnerInnen Istanbuls bummeln Tag und Nacht durch die Gassen und die berühmte Istiklal-Straße. Der Alkohol fließt in Strömen. Doch keine hundert Meter von der Flaniermeile taucht man in eine andere Welt.

Der Stadtteil Tarlabaschi wird hauptsächlich von KurdInnen und Roma bewohnt. Wäscheleinen sind über die Straßen gespannt, auf den Stiegen der Hauseingänge sitzen Frauen in traditionellen Kleidern und besprechen den Tag. In den Teehäusern vergnügen sich ihre Männer beim Tavla, dem türkischen Backgammon. Die Häuser sind baufällig. Kinder spielen auf den Straßen. Armut, soziale Probleme und Ausgrenzung sind augenfällig.

Getrennt werden die beiden Welten durch eine riesige Polizeistation und den Tarlabaschi-Boulevard. Auf diesem spielt sich ein Großteil der transsexuellen Sexarbeit in Istanbul ab. Die Frauen warten auf der Straße oder in so genannten „Birahanesi“ (Bierhäusern) auf ihre Freier. Anfeindungen und körperliche Übergriffe sind Teil des Alltags. Evren, Aktivist von LGBTT* Istanbul, schätzt die Zahl der transsexuellen Sexarbeiterinnen alleine in Istanbul auf 2000 bis 3000 (Vergleich Ankara: ca. 700). Sie haben einen gefährlichen Job.

 Mord in der Familie. Gewalterfahrungen haben diese Frauen alle gemacht. Sie werden auf der Straße bespuckt, beschimpft, geschlagen. Der Wunsch, kein Mann zu sein, stößt auf wenig Akzeptanz. Vielmehr wird Transsexualität von Männern häufig als Angriff auf die eigene Männlichkeit betrachtet; und so stellt bereits ihre Existenz für viele eine „Provokation“ dar. Dies gilt auch innerhalb der Familie. Allein im laufenden Jahr wurden landesweit bereits 14 Menschen aufgrund ihrer transsexuellen Identität ermordet, etwa die Hälfte von Mitgliedern der eigenen Familie. Die anderen Opfer wurden von Freiern umgebracht. Diese Zahlen beruhen auf Schätzungen, denn nur wenige dieser Morde werden jemals  aufgeklärt.

Freier als Mörder. Die Kunden kommen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten. Jene, die zu Mördern werden, sind aber meist junge Männer. Bei ihnen scheint die Neigung zur Gewalt tendenziell größer zu sein als bei älteren. Das erzählt auch Gürcan, die nach 30 Jahren im Geschäft viel Erfahrung mitbringt: „Junge Kunden nehme ich nicht, da gibt es noch mehr Probleme als mit den älteren. Wenn es ums Zahlen geht, sagen sie: Ich dachte, du bist eine Frau. Das verwenden sie als Ausrede und wenn du dann auf die Bezahlung beharrst, werden sie aggressiv.“

Die Gewaltakte gegen ihre Kolleginnen erschüttern auch Yesim. Sie ist 28 Jahre alt und lebt seit drei Jahren als Frau. Seither arbeitet sie auf der Küstenstraße auf der asiatischen Seite Istanbuls. „Vor der Arbeit habe ich schon Angst, aber ich trinke davor ein paar Flaschen Bier, dann geht es. Wenn ich aber keinen Alkohol getrunken habe, fürchte ich mich die ganze Nacht.“ Doch es sind nicht nur die Morde, die ihr Angst machen: „Ich und meine Kolleginnen werden oft geschlagen. Eine wurde unlängst ausgeraubt. Der Freier hat ihr alles abgenommen: Telefon, Schmuck, Geld. Das passiert häufig.“

Auf die Frage, warum sie die Arbeit trotz der Gefahren machen, schütteln sie nur den Kopf und lächeln sanft. „Es gibt keine andere Arbeit für uns. Niemand würde uns anstellen“, sagt Gürcan. Das bestätigt auch Evren, der im Zuge seiner Tätigkeit für LGBTT viele Transsexuelle kennengelernt hat: „Es gibt kaum eine andere Chance. Ich kenne nur sehr wenige, die etwas anderes gefunden haben.“ Transsexuelle finden in der Türkei fast ausschließlich in der Sexarbeit ein Einkommen, was bedeutet, dass beinahe alle transsexuellen Menschen früher oder später auf der Straße oder im Bordell landen.

 Ohne Schutz. Die Frauen finden ihre Freier im Wesentlichen über drei Kanäle: auf der Straße, in den Bordellen und über das Internet. „So lange du in einem Bordell arbeitest, gibt es Gesetze, du hast Schutz, da passiert dir nichts. Aber wenn du auf der Straße bist, läuft das anders.“ Yesim würde am liebsten in einer eigenen Wohnung arbeiten und die Kunden über das Internet finden, aber selbst eine Wohnung zu mieten, ist sehr schwierig. „Die VermieterInnen wollen keine Transsexuellen. Deshalb muss ich auf die Straße.“

Eine weitere Gefahrenquelle für die Frauen ist die Polizei. „Noch vor zehn Jahren hat es einen Polizisten gegeben, der hat jeden Tag Transsexuelle, AfrikanerInnen und andere Menschen einfach eingesammelt und oft eine Woche lang gefangen gehalten. Einfach so, ohne Anklage. Das passiert heute nicht mehr“, erzählt Gürcan. Auch die körperlichen Angriffe und die Schläge von Seiten der Polizei seien weniger geworden. Dafür würden sie heute Geldstrafen verhängen wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“. Dabei ist Prostitution in der Türkei legal. Doch um weitere Probleme zu vermeiden, bezahlen die Frauen. Yesim selbst hat im letzten Jahr rund 20 Mal ein solches Strafmandat in der Höhe von 75 Türkischen Lira (rund 30 Euro) bekommen. Das durchschnittliche Einkommen der Frauen pro Nacht: 75 bis 100 Lira.

Glück trotz Unglück. Gürcan und Yesim beschreiben ihr Leben als „sehr schwer“. „Wir haben es noch schwerer als die Homosexuellen hier. Die werden auch angegriffen, geschlagen und ermordet, aber man kann sie nicht auf den ersten Blick erkennen“, sagt Yesim. Trotzdem haben die beiden auch „Glück“, wie sie selbst sagen. Ihre Familien stehen hinter ihnen und halten zu ihnen.

Yesim hat ihre Mutter so sehr vermisst, dass sie unlängst für einige Monate in ihre konservative Heimatstadt Kayseri zurückging. Sie musste ihre Silikonbrüste wieder entfernen und sich die Haare schneiden. „Und plötzlich war ich wieder Emre. Die Nachbarn dürfen das nicht wissen, sonst bekommen meine Eltern Probleme.“ Trotz aller Gefahren und Probleme sind beide sicher, sie würden es wieder genau so machen. Die 52-jährige Gürcan sagt: „Ich wollte schon als Kind ein Mädchen sein. Und das Beste, was ich im Leben gemacht habe, war eine Frau zu werden. Ich bin eine Frau und möchte als Frau sterben.“

* Lesbian, Gay Bisexual, Transgender, Travestie.

Der Text erschien im Oktober 2011 im Progress – Magazin der Österreichischen Höchschülerschaft 05/11

Links:

LGBTT Istanbul – www.istanbul-lgbtt.org

Kaos GL Ankara – www.kaosgl.com

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